glueh.
dein name in meine zunge geaetzt

die kabine war schon besetzt

hab den linken vor den rechten fuss gesetzt

bin zum naechsten leben gehetzt

in schmerzensfaeden vernetzt

hab ich meine seele in brand gesetzt

und zuletzt seh ich jetzt

wie sehr es mich verletzt
22.6.06 11:17


die dunkelheit umschlingt

meine augaepfel mit ihren

kuehlen fingern

ich spuere ihre dornen nicht

ich rieche den mond in ihr

der nun schlaeft

es sollte nicht schmerzen

frei zu sein

es sollte nicht schmerzen

gefangen zu sein
22.6.06 11:17


dunkelheit mit ihren dornen will uns dazu anspornen uns zu lieben unsre arme und beine ineinander zu verschlingen dass ich mich meiner trauer erbarme sie kuess und auf ihr reite um die unendlichkeit zu ringen zurueck in dich gleite in dir schwimme weine mich verbreite vermehre teile ah
22.6.06 11:17


no more gnus

Erst hatte ich so lange nicht mit dieser Mütze herumlaufen gedurft, weil sie scheiße aussah; jetzt durfte ich mich nicht ohne sie in der Öffentlichkeit zeigen. Ich komme nicht umhin, zu lächeln, wenn ich an diesen letzten, kläglichen Versuch denke, mich ins Alter von zarten 14 Jahren zurückzukatapultieren. Wahrscheinlich bin ich die einzige, die darin eine gewisse Ironie sieht; ich hege eine enorme Leidenschaft für Ironie und auch für die Jugend. Meine Freundschaft mit Ms.Z hatte schon immer auf einer Hassliebe beruht, für meine Verwandtschaft existiert die Freundschaft nicht mehr, tatsächlich überwiegt hier allerdings zur Zeit die Liebe. Sie ist ein Schatz, ich hätte gleich sagen sollen, dass sie nichts damit zu tun hat, dass ich keinerlei Fähigkeit habe, mich auszudrücken. Zwar ist sie nun auch nicht mehr in meiner Klasse (an dieser Stelle herzlichsten Dank der Subjektivität kompetentester Lehrkräfte!), doch der Schulalltag wäre noch langweiliger ohne sie. Nun wahr, es ist Ms.Y, ohne die ich es nicht mehr für nötig empfände, meine Schulpflicht wahrzunehmen. Doch Ms.Z ist das bisschen Frische in der öden Welt, die neuen Ideen, die liebevollen Schübe der Erinnerung an bessere Zeiten. So zum Beispiel, als ein Tag mal wieder besonders beschissen gewesen war. Gegen Ende, kurz vorm Abdüsen, stand sie plötzlich vor Ms.Y und mir, mit dieser gottesähnlichen Karikatur eines Rauchers in der Hand. Hey! Hilfst du mir, das Ding an die Raucherlehrerzimmertür zu kleben? Sie hätte gar keine Hilfe gebraucht, aber es tat gut, danach gefragt zu werden. Es war spät, aber Fünfminutenpause, weswegen noch einige Lehrer durch die Gänge streiften. Wir standen nutzlos der Welt im Weg und sobald sich dann die Möglichkeit ergab, die Karikatur mit Klebeband an die Tür zum Raucherlehrerzimmer zu kleben, nutzten wir sie natürlich sofort. Fräulein Z befestigte die Postkarte mit großer Sorkfalt neben die dröge „Raucherlehrerzimmer“-Aufschrift und sagte dies natürlich auch laut, was meinereine Gedanken ohne Umwege auf einen gewissen Mr.XGL lenkte. In Verbindung mit dem RLZ und dem etwaigen Winkel, in dem ich nun zu dessen Tür stand, sentimentalte ich der Situation, als Mr.XGL einmal auf Mr.Js Behauptung, es stünden zwei Mädchen an der Tür, die ihn gerne hätten, schlicht machohaft erwiderte, das wollten viele Mädchen. Es gedachte sich mir in diesem Augenblick nichts angebrachter, als mein „Ja! Klar!“ so sarkastisch als möglich auszurufen, wobei ich es auch beließ; alle (Mr.J, Ms.Y, Mr.XGL himself) verstummten daraufhin; ich schien eine leichte Reizung des Raum-Zeit-Kontinuums hervorgerufen zu haben und so verfiel ich also zurück in mein apathisches Grinsen; ein nichtssagendes „Äh.“ meinerseits erbot ihnen ein Weiterfließen ihrer stets sich ändernden Gesichtsausdrücke. Mehr wurde darüber nicht philosophiert (zumindest öffentlich nicht); etwas später beging ich noch einige Male den Fehler, Mr.XGLs Kommentar wiederaufgreifend abfällige Bemerkungen über gewisse intime Gefühle ihm gegenüber zu wagen, die kein Aas verstand; als Scherz, lieblich ironisch, wie sie ursprünglich alle gemeint gewesen waren.

Doch Fehler begeht man ja bekanntlich recht häufig im Leben. Aus irgendetwas muss man schließlich lernen, wenn man in der Schule nicht genügend Anreize bekommt. Ich möchte keineswegs undankbar oder unterfordert erscheinen. Auch, dass mich die Schule zur Zeit ankotzt, liegt einzig und allein an mir. An meinem Alter. An meinem unaufgeräumten Zimmer. Eigentlich liebe ich die Schule ja. Genauer gesagt liebe ich das Lernen, nicht die Schule an sich. An der Schule mag ich allein die Tatsache, dass ich dort einige nette Leute treffe; sowohl Lehrer als auch gleichaltrige Freunde. Doch -wie könnte es auch anders sein- stört mich der Untgerricht ein wenig. Ich langweile mich, aber wer langweilt sich schon nicht.

Und die Langeweile verfolgt mich sogar bis nach Hause. Ich komme von der Schule zurück, als ich die Haustüre hinter mir schließe, überfällt mich unendliche Erleichterung. Ich ziehe meine Schuhe aus, immer noch ziemlich angespannt, und will nur noch, wirklich nur noch in mein Zimmer sitzen und apathisch in die Luft pusten. Es ist schon seltsam, gerade jetzt wartet ein Brief für mich auf dem Küchentisch. Ich habe mich ja noch unter Kontrolle, als ich zur Tür hereinkomme. Dann rege ich mich wieder über die Baumarkt-werbung und Spenden-Bettelbriefe ohnehin unseriöser Kinderhilfsorganisationen auf, über die ich zwangsweise stolpere, als ich den Flur betrete. Irgendwie haben Praktiker, Walmart und co. ja trotzdem ihre guten Seiten, zwar lenkt das Altpapier meine Gedanken von meinem Lebenshass (und dem auf die Schule) und lässt sie stattdessen einige erholsame Sekunden lang über arme, gerodete Bäumchen kreisen und über die Frage, ob wir wohl bald alle ersticken werden, wenn es zu wenig O2 und zu viele Menschen gibt. (Ich frage mich, wie sich ein Erstickungstod anfühlt.) Ich denke auch, mein Hallo noch relativ cool gen Wohnzimmer schreien zu können, wo vermutlich mein kleiner Bruder sitzt. Doch dann rennen meine Beine einfach los, diese Bastarde! Bis ich nun in meinem Zimmer stehe, den Tornister mitsamt Brief klimpernd auf den Boden fallen lasse, eine kahle, lieblose Wand vor mir, weiß gestrichen, ein Jack Sparrow, der mir alias Johnny Depp von einem kreuzgefalteten Poster entegenstarrt; vor meinen Füßen ein geschmackloser, (einst) grellpinker Eigentlichpulli. Ich entdecke nach einem kurzen Moment des nirwanaähnlichen Nichtdenkens und demnach auf einem naturalistischen Fehlschluss basierenden Nichtseins den Brief, der sich doch noch oder wieder in meiner Hand befindet. Ich weiß nicht, was für ein Brief das ist, mir doch egal. Auf meinem Schreibtisch herrscht definitive Platzlosigkeit, ich verlege meine Übungshefte und Einladungen zu Elternabenden in eine Schublade, kann diese nicht mehr schließen und schmeiße den gelben Briefumschlag auf das Fensterbrett, neben veraltete Ü-Ei-Figürchen, ein rostiges Fernglas und kleine, beppige Window-Colours-Reste, die ich mal mit dem Skalpell vom Fenster gekratzt habe. Weil die Vögel weg sind; die waren ja ach so wertvoll und hatten ihre ach so gefühligen Seelen und waren ach so dumm, immer gegen die Fensterscheibe zu fliegen, dass man diese zuschmieren musste. Die Fenster waren keine Fenster mehr, aber die brauchte ich ja auch nicht, wo ich doch meine stinkenden Nymphensittiche hatte, dieser Vogelduft, dieser Staub, der sich überall festsetzte. Warum habe ich überhaupt solche Viecher besessen? War ja doch nichts, als Vogelscheiße-von-Parkett-gekratze. Ja, Vögel scheißen auch. Guano, hieß Guano nicht auch irgendwass mit Vogelkot? Die Vogelkot-affen. Gute Idee, auf die ich da gekommen bin, nicht in der Stimmung für GA, aber Lust auf laute Musik. Wird in CD-Player geschoben und ich werde mit meinen fünf bis zehn Kilo mehr als nötigem Körperfett auf das Bett geschmissen.

Doch zurück zur Langeweile: als die CD zum vierten Mal von vorne anfängt, ich immer noch auf meinem Bett liege, weiß ich plözlich nicht mehr, was tun. Ich könnte die CD wechseln, statt dem schlichten „Therapy?“ einfach „Shock Therapy“ hören. Oder so. Aber ich bin zu faul, einfach zu faul und nicht einmal die Langeweile bewegt mich zum Aufstehen. Sie schmerzt nur ein wenig, wie ein Specht klopft sie in meinem Hirn, hackt mit ihrem harten Schnabel auf meine Nerven ein, versteht nicht, dass mein Hirn schon gehackfleischt ist, dass sie auf einen glutflüssigen Brei einpickt. Und ich greife zu rohen Spaghettinudeln, in der Hoffnung, das Pochen unter meiner Schädeldecke mit dem lauten Knacken des harten Teiges auf meinen Zähnen zu übertönen.

Es hilft nicht, ich stehe also doch auf, lege eine andere CD ein und nehme mein Skalpell von der Fensterbank. (Probleme bei der Arbeit? Migräne? Schlafstörungen? Ihr Skalpell hilft ihnen weiter!) Ich genieße das Gefühl der Klinge auf meiner Haut, die Vorstellung des warmen Blutes, das an ihr herabrinnt.

Nein, Sterben... hab‘ zwar nichts dagegen, aber Weiterleben könnte ja auch noch ganz nett sein. Eigentlich dachte ich noch nie daran, mich umzubringen. Ich weiche dem Tod auch nicht unbedingt aus, sollte ich sterben, dann durch einen dummen Unfall, den ich nicht zu vermeiden suchte; dennoch: lieber flüchte ich mich (an der Batterie lutschend, die aus meiner Uhr stammt [die steht jetzt auf 11, schöne Zahl, so harmonisch]. Vielleicht läuft sie ja aus und vergiftet mich? Wie sich wohl ein Tod durch Vergiftung anfühlt?) in meine Traumwelt, eine Leiter, die ich mir baute, um einen Weg zu haben, über den ich mich in mein Versteck vor der Welt zurückziehen kann.



[..]



Als ich diesmal meine Burg betrete, ist es anders. Es ist, als sei ich schon den ganzen Tag in ihr gewesen und nun, da ich wirklich dort bin, nehme ich meine ganze Müdigkeit mit, diese schleppende Trägheit und den Schleier, der über meinem Schwindel hängt. Ich spüre meinen Körper zu gut, kann mit ihm reden, weiß, wenn er zu mir spricht. Dafür liebe ich ihn, trotz seiner Hässlichkeit. Ich schlafe in meiner Burg ein, unwissend, ob ich träumen werde.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. (Irgendwie ist der Samstag einfach ausgefallen.) Auf eine ungewohnte Art war meine Nacht zu heiß, zu heiß, als dass ich hätte durchschlafen können. Viel zu früh stehe ich also auf, immer noch halb tot, übermüdet, aber die Hitze zwingt mich, mein Zimmer zu verlassen. Als ich unten bin, in der Küche oder im Wohnzimmer, ich weiß es nicht mehr genau, wünsche ich mir, wieder nach oben zu gehen und zu verbrennen. Zu einem kleinen, unscheinbaren Häufchen Asche zu werden. Am besten gleich in einem alten Essiggurkenglas, sonst müsste ich mich noch selbst auffegen, immerhin bin ich es, die den Dreck verursacht hat. Ich weiß schließlich auch, wie man einen Staubsauger bedient. Weil sie noch mit mir reden (ich weiß gar nicht, was sie gesagt haben, aber sie haben nur darauf gewartet, dass ich etwas sage, um endlich losschreien zu können.), bleibe ich auf dem braunen Stuhl sitzen, bis ich sicher sein kann, dass sie fertig sind. Dann erst erhebe ich mich vorsichtig und laufe die Treppen wieder hoch, betrete mein Zimmer wie eine Mikrowelle, zögernd, weil ich weiß, dass ich hier auf dem besten Wege zum Suizid bin, sie werden mich nachher zu Abend essen können, frisch geröstet. Aber ich sterbe einfach nicht, wie lange ich auch warte. Meine Wut schwillt nicht ab, obschon sie auch nicht ausbrechen mag. Ich weiß immerhin, dass solch ein Ausbruch nur noch mehr Gemotze zur Folge hätte, darauf habe ich ja auch keine Lust. Also nehme ich mir ein Vorbild an Ms. KG und beschließe, mir meinen Körper zu durchbohren. Naja, lieber mal nur das Ohr. Versuche also krampfhaft, etwas in meinem Chaos zu finden. Irgendwann glaube ich, jetzt doch endlich zu verbrennen, da mein panisches Durchwühlen des ganzen Mülls in meinem Zimmer meine Poren dazu bewegt, auf noch panischere Weise Unmengen von Schweiß auszustoßen. Vielleicht wollen sie den Sterbeprozess ja nur verkürzen, wahrscheinlich glauben sie, ich wäre eher tot, wenn ich zusätzlich zu der sengenden Hitze innerlich austrocknete. Aber in dem Augenblick, als ich mich erschöpft auf mein Bett setze und gemütlich das Schmuckkistchen ausleere, um es anschließend wieder einräumen zu können, finde ich plötzlich die kleinen, silbernen Stecker, die ich beim Flüchtigen durchgraben nicht hatte entdecken können. Na schön, ich hole einen Spiegel in mein Zimmer und eine Sicherheitsnadel. Eine Kerze, die Nadel zu erhitzen. Muss ja alles gründlich desinfiziert werden. Aber eben das Desinfikationsmittel fehlt mir noch, die ganze Prozedur geht also von vorne los (ich muss schon ganz schön viel Wasser in mir haben, dass ich noch lebe), irgendwann finde ich das Zeug sogar. Riecht gut. Tür zu, Ohr durchgestochen. An die zehn Male sogar, immer, wenn ich die Sicherheitsnadel herauszog, konnte ich den Ohrring nicht mehr durch das kleine Loch popeln, bin unfähig. Naja, dann bleibt halt die Sicherheitsnadel stecken, zwei, drei Tage, vielleicht geht der Stecker ja dann leichter rein. Und wenn nicht, ist auch egal. Vielleicht wächst es ja ein und entzündet sich. Und dann muss ich mein halbes Ohr aufreißen. Das soll weh tun, wurde mir mal erzählt. Also das Stechen hat nicht geschmerzt. Es hat nicht mal geblutet. Das enttäuscht mich schon ein wenig.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr mit Mrs. Y zu reden, obgleich sie für mich lebenswichtig ist. Ich wollte sozusagen auf Diät gehen und mich jetzt schon darauf vorbereiten, in Zukunft gar nichts mehr von ihr haben zu können, nicht mehr genug, ich werde verhungern, wenn sie erst einmal weg ist. Ich wollte nicht, dass es hinterher noch mehr schmerzt, aber der Abschied gelingt mir nicht, sie ist ja noch da, wie könnte ich nur auf etwas verzichten, das mir so lieb ist. Sie bringt es also fertig, mir den Stecker ins Ohr zu schieben, ich habe das Loch ja nicht getroffen.

Es dreht sich mehr um Ohrringe, als es sollte.

Ein paar Tage später bin ich zu müde, mich aufzuregen und habe Angst vor dem Moment, indem sie es sehen; wenn sie es nicht schon längst gesehen haben. Und gleichzeitig befällt mich Scham und Reue für die Unordnung, für die teure Unterwäsche auf dem Boden (ich hebe sie auf, wasche sie) und für das Rauchen. Jeder probiert es mal, ich dachte, das gehöre zum Erwachsenwerden? Ich rauche ja nicht, habe mir nur den MildSeven-Wunsch erfüllt, der jetzt nur noch an der Wand hängt, wie ein Denkmal, das zeigt, dass manchmal noch Träume existieren, die wahr werden können. Und als letzte Fluppe in der zerknautschten Kippenschachtel, als gehöre die Hoffnung der Erfüllung meiner Wünsche zu den festen Bestandteilen meines Lebens.

Es ist alles so seltsam in dieser Müdigkeit... Als ich in mein Zimmer komme, ist mein Bett frisch bezogen, ich lege mich in das sanfte Blau, zwischen all die Sterne und den Mond, die mich einhüllen, als sei ich die Nacht selbst, als sei ich der Himmel; als sei ich noch Kind. Ich möchte hier bleiben, es ist warm und ich höre den Nachklang der süßen Stimme meiner eigenen Kindheit, die mir zuruft Auf Wiedersehen, ich werde zurückkommen, wenn es Zeit ist, vergiss mich nie denn ich bin immer noch Dein, und du bist Mein.*

Sehe flüssige Bilder vorbeiziehen, Bilder eines Gullideckels, auf dem SWR stand, wie der Fernsehsender, ebenso die blinkende Schranke, die mir vorhin auf meinem nächtlichen Spaziergang entgegenleuchtete, die verlassen vor einem grauen, nicht ganz fertig gebauten Haus lag, im Gras und Matsch, die verloren wirkte und in ihrem Tod stets einsam vor sich hin blinkte, als warte sie nur darauf, aufgehoben zu werden oder als wolle sie erlöst werden, als blinke sie, um zu zeigen, dass sie noch lebt, damit endlich einer daherkomme und sie zerschlage. Diese Hitze. Unerträgliche Melancholie. Ich hasse nicht, ich habe nie gehasst, doch ich verabscheue mich, verabscheue mein Krüppelherz, verabscheue den Computer. Verabscheue Erdkrusten, Inbegriff der Zeitverschwendung. Hass auf all dies. Und vor allem darauf, dass ich Träume nur einmal träume. Ich will will diesen Vergewaltiger wieder, will in der Burg meiner Kindheit bleiben, will meine Träume zurück; will schlafen um nie mehr zu erwachen. Doch was mich erwartet, ist echt.

Ms.Y wird gehen, Mr.N zählt schon lange nicht mehr, Ms.M hat aufgegeben und ich werde keine neuen Menschen mehr lieben können.

Ich habe geliebt; war ich ein guter Mensch?

Immerhin

Ich habe geliebt.



*[...]while your childhood sings: Farewell Ill come back when its time, dont ever forget me I am still yours and you are mine – Johanna Zeul
22.6.06 11:16


Come to me! Play with me! Can’t you see? I’m a sex-machine! Mir bleibt nur zu hoffen, dass sie es als Enthusiasmus über die vielen bunten Leuchtreklamen auffassen, as ich bei der Variation bei der Variation mein zynisches Grinsen nicht mehr länger unterdrücken kann: Come! Sex! Play! Sex! Can’t! Sex! Sex... machine! Ach, die Überleitung haben sie ganz nett hingekriegt, einfach das Fade-in des 3ten Tracks über das Fade-out des 2ten gelegt. Erst denke ich ja, es wäre geplant, dass die beiden Songs das gleiche Tempo und gleiche Tonlage haben, das mit dem invariablen Rhythmus war mir ja schon klar. Im Laufe der Zeit wird mir allerdings bewusst, dass wohl alle Technosongs dasselbe Schicksal der ewigen Monotonie unter ein- und demselben Loop eines einzigen Drum-grooves teilen... als ich schließlich einen erneuten Blick auf das Ziffernblatt werfe, welches mir zublinkt, dass der etwas bizarr lange Song mittlerweile nicht mehr Track 3, sondern track 7 ist, wende ich meinen Blick wieder nach draußen. Rot, blau, gelb, Casione Titnic, Gebäude: Form der Titanic. Die Wellen unter ihr blinken. Als mir Alina offenbart, dass wir gerade ihre Lieblings-CD hören, setze ich mein ambivalent apathisches Grinsen auf, um meine Gedanken etwas anderem zuzuwenden. Diesem Text hier zum Beispiel. Erste Frage, die mir von Fiddy als wichtig eingebleut wurde, was die frage nach meiner Angst unter diesen „besonderen Umständen“. „Besondere Umstände“ klingt schwer nach Schwangerschaft, ein Gedanke, mit dem ich dann doch sclagartig mir sehr unangenehme Empfindungen assoziiere. Er meint natürlich die Attentate, Bomben. Ich höre einen lauten Schrei, es knallt, es fliegen zerfetzte Körper durch die Luft. Die Titanic ist explodiert, die älteren herrn mit Zigarre und Anzug, der den Bierbauch kaschieren und ihre maskulinen Schultern unterstreichen soll, zieren den Himmel. Auch der Moskauer Himmel ist nachts rot. Und unter den fliegenden Spielsüchtigen wählt ein blondes Bunny einen besonders hübschen Bogen durch die Lüfte. Riss im Minirock, 3-wetter-Taft-Frisur ruiniert, eine ihrer Titten ist abgerissen, landet direkt auf unserer Windschutzscheibe. Das Blut fließt hollywoodreif vor uns herunter und verdeckt uns die Sicht auf das Spektakel. Der Scheibenwischer schaufelt sie uns frei, ich blicke wieder auf die unversehrten Neonlichtinstallationen. Das rote Licht der Boutiquen hat sich in dem Regen gespiegelt, der über die Wundschutzscheibe tröpfelt. Schade, ihr Fingernagel war abgebrochen. Prlmutt, Zeigefinger, sehr markant. Nein, nein, die einzige Angst, die mich hier noch in den Wahnsinn treibt (oder in ein apathisches Grinsen), ist die Angst vor noch mehr Essen. Es ist spät, wir schlafen schon alle fast ein, das rettet mich vor einem Anfall hysterisch frenetischen Kreischens. Aber wir halten an, nicht zu Hause, es ist eine Gaststätte. Unterirdisch. Die Moskauer sind Unterirder. Ich zupfe nervös an meinem Ärmel, als sie fragen was ich essen möchte. Ich sage nichts, das laute Gebrülle meines Magens ist schließlich unüberhörbar. „Nein! Niet! Nichts, danke! Niente! Non! Nothing! Spassíba, niet! Nie! No, no! Nada! Gracias, thankyou, spassíba, niet! Nein! Chikusokuso!“ Vielleicht ist es das japanische Gefluche, was sie verwirrt hat, sie fragen jedenfalls wiedr, als hätten sie nicht gehört. (Lügner!!). Ich sehe die Hieroglyphen von Speisekarte.  Sammelsurium kleiner Nichtsda. Die preise. Ich überlege, wofür das “p.” steht. “poln.”? Wohl kaum, wir sind hier in Russland. O...P... (Rubel, Hirn!) Jedenfalls sehen die Preise OK aus, doppelt so viel, wie in Polen, aber 2xPoln heißt immer noch 1/2x€. Ich sage wider des Protests meines armen, kleinen Magens, dass ich eine Suppe essen werde. Das war ein Fehler, denn sie haben schon etwas im Hinterkopf, wollten es mir nur nicht verraten. Salzfisch. Gut, nehm ich den, aber ohne Suppe. Denkste!! Nichts da, ich wiederhole es 10 Mal (mitgezählt!), bis SIE apathisch grinsen, in einem Anflug plötzlicher Religiosität bete ich, erfolgreich gewesen zu sein. Als der Fisch kommt, wird mir gesagt, dass man ihn zu Wodka isst. Wodka! Alkohol! Das ist es! Mein guter, alter, heiß geliebter Placebo-Effekt! Ich werde mit vorstellen, das Wasser (Bonaqua – der olle CocaColaCompany-Beschiss *gg*) sei Wodka. Genug Alkohol und ich späre den Schmerz nicht mehr. Als der Fisch gegessen ist, bin ich doch ganz froh, er war sehr, sehr schmackhaft und außerdem sitze ich Alina’s Vater gegenüber, rotbraunes Sweatshirt, beinahe Blut. Ich bin der festen Überzeugung, es hinter mir zu haben, doch da kommt noch was. Nein, keine Suppe. Pommes. Viele, fettige Pommes. Mit Fisch! Noch ein Fehler: ich hätte ihnen nicht sagen sollen, dass ich Fisch liebe. Nein, ich hätte das wahrhaftig unterlassen sollen. Als ich dann aber zu essen anfange, bin ich richtig überrascht! Entweder war es der Herr P. und mein Fake-Alk hat den Schmerz verschwinden lassen. Oder aber es ist wie beim Fahrrad fahren: Wenn man lang genug weiterstrampelt, verschwindet der Schmerz in den Beinen wieder. Mann, muss das einen Muskelkater geben, wenn ich zurück in Deutschland bin!
22.6.06 11:16


Da steht ein Teller auf dem Schreibtisch vor mir, auf dem Teller eine Orange und eine Banane. Und eine Serviette. Ich mag Obst ja wahnsinnig gern, kann mich kaum entscheiden, womit anfangen! Ich entscheide mich für die Serviette.

Die Serviette erscheint mir als am wenigsten stopfend. Sie hätten mir das Obst zuerst geben sollen, dann hätte ich nach Schinkenbrot und Borszcz die süßen Mini-Törtchen ablehnen können, das wäre um einiges gesünder. Die russischen Pralinen und Schokoladenbonbons habe ich ohnehin nicht mehr geschafft, aber dieser Teller, er wurde so liebevoller in das penibel (auf)geräumte Kinderzimmer getragen, vor die bunten WinniePoohStifte gestellt, nur für mich, da kann man sich kaum entscheiden, was mehr schmerzt: Dieses sinnloche Bild des lieblich frischen Obstes mit meinen bauchschmerzen zu vermählen, oder das Essen stehen zu lassen und so möglicherweise undankbar zu erscheinen. Und undankbar bin ich keineswegs, eher zutiefst gerührt von dieser Hingabe, dieser Gastfreundschaft, die auf leidenschaftlichster Nächstenliebe basiert. Diese Menschen haben ihr Herz auf einem rostigen Nagel vor der Haustür hängen, wo es in der untröstlichen Kälte und Armut des Wohnviertels vor sich hinblutet und dennoch stärker liebt, als es eines unserer Deutschen Herzen je nachzuempfinden vermöchte. Es stimmt mich missmutig, diese Gewissheit; ein Deutscher könnte in seinem Geiz nie diese Güte erreichen, diese Wärme, und wären die Plätze im Paradies unter Gottes Liebe begrenzt, so würde Russland auf der Warteliste zweifellos an einer der ersten Stellen stehen.
22.6.06 11:16


Achtundzwanzigster September zweitausendundvier.

Warum bekomme ich eigentlich immer die doppelte Portion zu essen? Das hat doch nur zur Folge, dass mich in den nachfolgenden Stunden nur noch Gedanken beschäftigen wie: *Mein Magen ist ein roter, schleimiger Luftballon, der platzt, wenn man ihn zu stark aufbläst*. Dann fühle ich nur zu genau, wie meine Magenwand aufreißt und der ganze Inhalt, das schlechtgekaute, halbverdaute Essen mit ein wenig braunem Schorf aus mir quillt, wie die ätzende Magensäure dabei all die nebenliegenden Innereien verkokelt. Als Gesamtes erinnert es stark an dickflüssiges Magma, das langsam, doch unaufhaltsam an die Oberfläche tritt, sich stetig voranfrisst, bis es schließlich an Bäumen, Geröll und Menschenmauern kleben bleibt. Ich sehe mich diese klebrige Schicht penetranten Geruches hinter mir herziehen; wie Hänsel und Gretel (schon vorzeitig gemästet) eine Spur auf meinem Weg durch die graue Stadt zurücklassen. Mein Bett nur mit Krümeln geziert, kleben die ersten aufgewürgten Bröckchen bereits hartnäckig an den Straßenbahnsitzen. Alles, was danach kommt, wird in meinem gedanklichen Revue des Tages großzügig mit Körpersäften bestückt, die von meinem Überfressen-sein herrühren. Erst, als das gereizte und übermüdete Ich im Bus angelangt ist, gelingt es mir aufzuhören, blutigen Gemütes Schweinereien in meine Umgebung zu schleudern. (Das Geräusch des platschenden Eiters auf den Fensterscheiben verschafft Genugtuung.) Denn als ich gerade dabei bin, Niels eine Ladung meiner Lawa ins Gesicht zu klatschen, um ihn ruhig zu stellen, sucht Fiddy jemanden für heute, da habe ich mich ja gemeldet, fällt mir ein. Also unterbreche ich meine um-sich-kotzender-Vulkan-Fantasien und wende meine Gedanken dem Text hier zu. Ihr wollt also wissen, was wir so tun? Und eine persönliche Note soll ich mit einbringen... Ja klar, als ob euch das interessieren würde!

Wenn das hier den Ablauf des heutigen Tages genau beschreiben soll, so müsste ich meinem Protokoll um Mitternacht einen Anfangspunkt setzen, wo kalendarisch der achtundzwansigste September beginnt (Dienstag, der Tag, an dem einem klar werden muss, dass bereits eine weitere Woche des ohnehin zu kurzen Lebens am Auslaufen ist). Da sich mein konfuses Teenagergemüt zu dieser Uhrzeit allerdings kaum mit Moskau beschäftigt und meine Gedanken höchstens Träume über Freundschaften und dementsprechend schmerzhafte Abschiede von gewissen (Ex-) Gemeinschaftskundelehrern formen, überspringe ich die Nacht und erspare euch somit den Teil mit der erfantasierten Schüler-Lehrer-Beziehung. Mein Tag beginnt ohnehin mit dem Aufstehen. Und dieses kann schon ziemlich unangenehm werden, wenn man nicht genug Schlaf hatte, und das aus nichtigen Gründen wie überlangen Telefongesprächen mit der besten Freundin zu Hause (erste Anzeichen des sich anbahnenden Heimwehs [aber keine Bange, sind ja nur noch drei Tage. Könnte auch noch ein Fitzelchen länger sein; bevor man aus lauter Sehnsucht nach dem eigenen Land krank und bettlägerig wird, lässt sich die Zeit hier nämlich viel zu gut nutzen, um schon wieder zurück zu fahren!]). Bleibt also nur noch das „guten Morgen“, bei dem ich mich jedes Mal von neuem blamiere. Russisch ist ΄ne abstruse Sprache.

Nein, heute hat mich mal niemand begrüßt, nur sofort durch den engen Spalt zwischen Tisch und Fensterbank gedrängt (Mann ey, ich bin dank euch eh schon zu fett, mich da durch zu zwängen, also mit der Ruhe, ich werde schon noch zu meinem Plätzchen am Esstisch kommen!), damit ich mich setze und meine Swiet-Wiet-Flakes esse. Hatte ich doch glatt wieder vergessen, dass mir mein Müsli immer kochend serviert wird, höre ich die Mutter sprechen. Etwas, das nach russischem „gut schlafen“ klingt und dann das übliche „skasch jej!“. Klar doch, ich weiß genau, was jetzt kommt: „Hast du... gut? ...geschlafen?“ Irgendwo zwischen panischem an-mein-buddhistisch- Körper-und-Seele- in-Einklang- bringen-Buch- Erinnerungsversuch und krampfartig röchelndem Hervorwürghusten der sengenden Milch (aufpassen, Vorbote der Lawa!) nicke ich verzweifelt. Ich sehe ihre Reaktionen nicht, zu viele Tränen. Als von der Hitze dann nur noch der pulsierend dumpfe Nachklang des Schmerzes übrig ist, schluckaufe ich ein „und du?“ ... Eigentlich könnten wir das Gespräch doch mal auf Tonband aufnehmen, dann müssten wir es nicht täglich von neuem führen. Oder (das wär doch auch mal was: ) wir alternieren ihre Betonung des abschließenden

„Ja.“ Pause. „Auch.“ Löffelheb. „Danke.“ Grins. Weiterschlürf. (Wie um Himmels Willen schafft sie es nur, dieses Zeug einfach so zu sich zu nehmen?? Ist die Beschaffenheit russischer Speiseröhren etwa anders als die unsere?)

Ja, so viel zu unserem wunderprächtigen Frühstück. Morgen steh‘ ich fünf Minuten später auf, mit ein bisschen Glück ist die weiße Brühe dann schon um drei, vier Grad abgekühlt.

Ha! Gut, dass ich mir die einzelnen Stationen des Tages aufgeschrieben habe, sonst hätte ich den Schulweg nämlich vergessen und wüsste nicht, ab welchem Zeitpunkt ich mein Protokoll fortsetzen soll. (Oh Schande! Lasst uns diesen Gedanken nie wieder aussprechen, Brut des Satan!) Nun denn, wenn ich’s mir recht überlege, gibt es zum Schulweg nichts zu sagen. Ohne ein Wort zu wechseln laufen wir durch den Park (Gott segne das viele Grün in Moskau!) und von dort aus hoppeln wir in die Straßenbahn. Ich steh‘ auf die Straßenbahn, dieses Luftanhalten (unfassbar, wie viele Menschen sich da reindrängen können... und atmen kann man da drin gewiss nicht mehr!), die klebrigen Stangen, an denen man sich rein theopraktisch sollte festhalten können, die orange-grauen Plastik-sitze. Wie aus einem Ü-Ei geschlüpft, eine kleine Kunststofffigur, die jeden Augenblick auseinanderfallen könnte, doch bis dahin erfreut sich das kleine Kind an den verschluckbaren Kleinteilen und den umweltfreundlichen Aufklebern, die das ganze noch bunter machen sollen, als es ohnehin schon ist. Nur die Schokolade außenrum fehlt, aber ich habe die Straßenbahn nie angeleckt, wer weiß, vielleicht schmeckt sie ja tatsächlich süß. Und wie bei einem Überraschungsei ist der ganze Spaß nur von kurzer Dauer, wir fahren ja nur bis zur nächsten Haltestelle. Halte ich persönlich für sinnlos. Fünfzig Meter mit der Straßenbahn zurückzulegen, hat keinerlei Vorteile. Man ist nicht mal schneller, und bezahlen muss man die Fahrt ja auch noch. Anfangs meinte ich ja noch, meine Gastfamilie wollte mir einfach nur zeigen, wie eine Moskauer Straßenbahn funktioniert. Jaja, in Reutlingen gibt es sowas ja nicht. Lassen wir doch einfach mal unbeachtet, dass es auch noch Städte wie Stuttgart, Freiburg, ja meinetwegen Warschau gibt, in denen das so alltäglich ist, wie die Fahrbahnüberquerung per Zebrastreifen. Doch höchstwahrscheinlich sind es eben die Zebrastreifen, die sie dazu veranlassen, die Straßenbahn zu nehmen. Als Alina hier war, sind wir ja schließlich auch jeden gottverdammten Tag über die weißen Streifen gedackelt, als wüsste sie nicht wie so was geht. Empörtes Kopfschütteln.

Wieder ausgestiegen laufen wir die letzten 20 Meter zur Schule. Schön, mal wieder keine Sau da. Die schlafen alle noch. Warum dürfen die zu spät kommen? Und wir sind immer pünktlich. Aber Pünktlichkeit ist ja eine Tugend, also nutzen wir die überschüssigen 20 Minuten, mal die schicke Schule zu betreten. Schuhe wechseln. Straßenschuhe  Schulschuhe. Ich schätze mich glücklich, dass ich das nicht auch tun muss.

Lasst uns noch auf die Toilette gehen! Nee, muss nicht. Tue zumindest so als ob, ich ziehe das Busklo dem Schulklo nämlich vor. Da gibt es nämlich nicht nur eine Tür zum Pisspott, nein, sie lässt sich auch noch abschließen! (Wunder!!) Scheint in der Schule nicht notwendig zu sein. Also bin ich doch erst mal richtig erleichtert, als wir endlich, endlich entspannt im Bus sitzen, wo es nun zum einleitends erwähnten Blabla kommt und ich mich dazu aufrapple, den Tag zu beschreiben. Ich hab‘ ja noch nicht (und wer will schon noch mal?). Jach, ihr seid ja selbst schuld.

Da sitzen wir also, alle sechs Deutschen auf einem Haufen, die Russen im ganzen Bus verteilt. Nachdem wir unsere Lunchpakete inspiziert haben (erst mal den Großteil Niels schenken, damit von den zwei Schichten Käse und je zwei Schichten Wurst zweier Sorten [beispielsweise Schinken und Putenbrust] [oder Salami und Lioner] nur noch die eine Schicht Käse und eventuell ein Salatblatt [Rarität! Zumindest bei mir gibt’s nie Salat zu futtern.] übrigbleibt...), wird uns auch mal wieder klar, wie müde wir alle sind. Im Halbschlaf gähnend lasse ich mir also ein Gedicht von Niels vortragen:

Ferne,

empfange den Obdachlosen,

öffne dein Tal.

Wie ist der Himmel heute?

Zeig mich den Sternen!

Unten,

in tausend Kirchen,

singt das trauernde All den Choral:

„REQUIEM AETERNAM...“

Wladimir Majakowski, klar, wir sind in Russland, was erwarte ich auch anderes, als ein russisches Gedicht. Ich mag Majakowski!! Weiß dummerweise nicht mehr, welches Gedicht Niels mir vorgetragen hat, ist ja auch egal, war eh kein ganzes und ich habe das Buch mittlerweile hier liegen. Und auch kleine, dahingestotterte Gedichtfetzen sind noch besser als:

a) „Der kurze Sommer der Anarchie“ von Hans Magnus Enzensberger

b) „Sly“ von Banana Yoshimoto.

Zwar ist das Anarchie-Ding göttlich interessant und ich verdammt heiß drauf, es endlich fertig zu lesen und auch Sly wunderschön geschrieben, doch ich bin einfach zu müde, die ganzen Infos in mich zu saugen oder mich von der Melancholie mitreißen zu lassen.

Ich glaube, ich bin zwischendurch mal kurz eingenickt, jedenfalls finden wir uns irgendwann im Kreml wieder. Hätte ich mir anders vorgestellt, muss das deutsche Gemüt sein, meine Erwartungen zu hoch geschraubt. Klar doch sind die Kirchen echt hübsch und so, aber es ist nichts neues mehr. Die Übersetzerin hat uns selbst gesagt, dass man eine orthodoxe Kirche sehen kann, eine zweite, aber dann hat man alles gesehen und die dritte ist bereits zu viel. Na toll, was macht sie? Führt uns durch alle kalten Ikonenwände, die sie in Moskau nur für unser Programm zusammenkratzen kann. Ich kann die Type nicht leiden. (Unhöflich? Ehrlich!) Und dabei kann man das alles so cool rüberbringen. Aus Unlust und Trotz setze ich mich einige Male ab, scheiß doch drauf. Da ist so eine geile italienische Reisegruppe! Ganz enthusiastisch hör‘ ich denen ein bisschen zu und stelle mit Erstaunen fest, dass ich nach meinen krüppeligen zwei Jahren Schulitalienisch alles verstehe! (Ich liebe meine Italienischlehrerin!!) Ich mutiere auch kurz zu einer Ikonensäule (ich weiß ja, ich stehe den Leuten immer unnütz im Weg herum). Es ist ja kaum zu übersehen, dass wir nicht zu der Reisegruppe gehören. Würd‘ so gern noch länger bleiben, doch es ist meinen werten Lehrern nicht so recht, und zu denen will ich ja nicht gemein sein. (Nicht doch... ts, ts, ts...!) Also höre ich mir noch an, dass wir alle Pilze sind („TUTTI SONO FUNGHI!!!“) und mache einen kleinen Abstecher auf die schicken Dixie-klos. Naja, nicht ganz, ich halte Mirischatz ihre Kamera, während sie sich in diese Kackbox wagt... (Respekt. Ich für meinen Teil hätte mir lieber in die Hosen gepisst.) Dann heißt es „tief durchatmen“ (natürlich erst, als wir uns in einer sicheren Entfernung zu den WCs befinden) und auf in die Rüstkammer. Hm, interessant. Sofern man der Dame nicht beim Gockeln zuhört. Ja doch, die Sachen da drin sind schick, nur halt zu viel, es hier alles zu beschreiben. Aber was jucken euch schon das Silbergeschirr und Goldbesteck, die Schwerter und ausgestopften Pferde mit leerem Ritter drauf? (Ein russisches und ein polnisches. Das russische Pferd ist viel schöner als das polnische, das ist unfair.

Auch unbeachtet der Tatsache, dass man im Kreml dann tatsächlich einige Geschenke aus Polen bewundern kann, fühlt man sich hier Polen viel näher, als in Deutschland. Das Grau am Tag, die katastrophalen Straßenverhältnisse, die abgewrackten Häuser [die Aufzüge!] und die roten Nachthimmel, das birgt alles einen Hauch Warschau in sich. Und dennoch ist mir Moskau zu kalt, zu tot. Und zu groß, alles ist größer, vor allem die grauen Klötze, die sich nicht definieren lassen, die einfach da sind.)

Irgendwann geht es dann ENDLICH zurück in den Bus. Ist dummerweise genauso langweilig wie bei der Hinfahrt. (So ein Pech aber auch...) Kann es sein, dass wir in einem Stau stehen? Ich kann das nicht mehr so recht einschätzen, hier wird auf den vierspurigen Straßen immer sechsspurig gefahren. Ampeln und Zebrastreifen scheinen nur zur Zierde angebracht worden zu sein. Wenn wir grad mal stehen, anstatt mit fünf Kilometern pro Stunde vorwärts zu schleichen, weiß ich natürlich nicht, woran es liegt. Durch meine halbgeschlossenen Lider blicke ich durch das Fenster auf den Gehweg neben mir. Zwei Frauen laufen schnurstracks geradeaus aufeinander zu. Ausweichen? Noch nie gehört! Rennt halt gegeneinander, Weiber! Der Gehweg ist ja nicht BREIT genug! Leicht angenervt von der Szene (es stimmt, dauernd wird man hier angerempelt, als könnte man nicht dreißig Zentimeter zur Seite treten, wenn einem jemand entgegenkommt!) und zitternd (erst jetzt, wo ich gerade wieder aufwache, fällt mir auf, dass ich friere) richte ich mich auf und schlucke angewiderten Blickes beim Rausholen meines Brötchens. Wird angebissen, wieder in den Rucksack geschoben. Wie könnte ich jetzt bloß essen, habe noch immer Sodbrennen-flair im Verdauungstrakt, von der siedenden Milch am Morgen. Wenn ich mich jetzt wach halte, vielleicht, ja, vielleicht wird mir dann ein bisschen wärmer. Also suche ich mir eine Beschäftigung und finde tatsächlich eine kleine Belanglosigkeit. Neben mir sitzt irgendjemand, Gedächtnis will mir nicht verraten, wer es war. Reden macht zwar keinen Spaß, aber besser als nichts. Also verfallen wir in einen schläfrigen Plausch über Politik und Gesellschaft. (Misstrauen. Putin ist eh scheiße und Russen haben vielleicht mehr Sex, aber besser kann er keinesfalls sein: Die Unter-vierzig-Prozent-kein-Alkohol-Theorie steigert zwar die Willfährigkeit der Frau, doch sie schnürt zugleich die Fähigkeit des Mannes, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.)

Irgendwann findet man sich tatsächlich zu Hause wieder. Halleluja. Wohnung. Wärme. Mein erster Gedanke gilt dem Badezimmer! Nichts schöner jetzt, als sich heiß die Hände zu waschen. Es ist scheißkalt in Moskau! Obwohl es doch eigentlich gleich warm ist, wie in Deutschland, das haben sie mir zumindest am Telefon erzählt. Und doch kommt es einem hier so viel kälter vor. Kommt wohl davon, dass man einfach nicht um die Pfützen herumkommt kommt kommt. Und das wunderschöne, durch und durch blaue Badezimmer wirkt da so wohlig warm, wenngleich auch Blau eine kalte Farbe ist. Aber es hat mittlerweile seine Perfektion verloren, das vollendete Gefühl des Durchweg-in-Blau-getaucht-seins, denn jetzt, gegen Ende meines Moskau-Aufenthalts, hängen auch andersfarbige Handtücher am Waschbecken (gelb) und das Klo spült seit neuestem grün. Wenigstens hat’s da noch den blauen Teppich, obwohl der bei uns schon eher anstößig wäre, gilt eher als unhygienisch, so ein Teppich im Badezimmer. (Sehr wohl --> Schnier, der Herr. Das mit dem unhygienischen Badezimmerteppich ist nicht meine Idee...)

Und ab zum Mittagessen. Wie immer fängt alles mit einer Suppe an. Nichts gegen Suppe, ich liebe Suppe! Die gleiche gab’s doch gestern auch schon? Ja doch, schmeckt. Aber... diese Fleischklumpen da drin, die sind alles andere als appetitlich. Eher sehr gewöhnungsbedürftig. Einen Tick Überwindung kostet es einen, in diese an Katzenfutter erinnernden Klumpen zu beißen. Und da Geist stärker ist, als Materie, schmeckt es sogar nach Katzenfutter. Nicht, dass ich jemals Katzenfutter gegessen hätte (wäre doch aber einen Versuch wert, oder nicht? Ich habe ja drei Katzen, Katzenfutter liegt bei uns also auch genug rum.), aber es schmeckt, wie das Katzenfutter bei uns zu Hause riecht. Und weil mir der Kitekat-Gedanke Kälteschauer über den Rücken jagt, versuche ich, an etwas anderes zu denken. Mein Hirn will aber nicht an etwas anderes denken, als ans Essen. Also bemühe ich mich, die braunen Kügelchen mit etwas anderem zu assoziieren, das ein ähnliches Äußeres trägt. Kurze Leere in meinem Kopf... Meerschweinchenkacke. Na toll. Das hat mir gerade noch gefehlt. Meerschweinchenkacke in meiner Suppe. Ich vermeide jeden weiteren Gedankengang zu diesem Thema, wer weiß, was noch dabei herauskommt. Begnüge mich stattdessen damit, die Meerschweinchenkacke so schnell wie möglich zu schlucken, um dann in Ruhe den Rest meines Süppchens essen zu können. Gelingt mir sogar. Zufrieden, wenn auch überfüllt, lehne ich mich zurück und freue mich auf meinen Tee, bin immer noch nicht ganz aufgewärmt. Aber ich liege natürlich mal wieder falsch, Tee gibt’s noch nicht, wir haben doch erst die Vorspeise hinter uns. Als ich noch ein Meerschweinchen hatte, hat das auch ab und zu seine eigene Scheiße gefressen. Ob es nach seiner Meerschweinchenkacke wohl jedes Mal dachte, es käme noch was? Naja, ich weiß nicht wie, aber ich überlebe es. Habe das Leid wohl sofort verdrängt, um nicht noch höhere Qualen zu durchleben. Ich erinnere mich nur noch schleierhaft an (wie immer) in Fett schwimmendes Stück Fleisch mit Blumenkohl. Beilagen kennt man hier nicht. Ich schnorre mir trotzdem ein Stück Brot, obwohl ich ja schon bei der Suppe genug davon hatte. Und zwar belegtes, hier wird das Brot zum Essen immer belegt. Mit Schinken oder Salami. Und einem Stück Gurke, das einzige, was es hier an Grünzeug zu fressen gibt. Aber hey! Ich habe mich erfolgreich vor dem Nachtisch gedrückt! Stattdessen kam endlich mein Erlöser Tee und ich konnte in mein Zimmer abdüsen! Definitiv zu viel Geltung wird dem Essen verliehen, viel zu viel!

Sehr cool, das Essen hinter mich gebracht, lädt mich Alina höflich in ihr Zimmer ein, wo wir russischen „Rock“ hören (kennt einer von euch die Gruppe „KИHO“? Das verstehen die unter Rock... na, wenn sie meinen...) und uns Photos ansehen! Von ihr, von ihrer Familie, von ihren Freunden und von all den schönen Urlaubsorten, an denen sie schon war. Und dann, dann komme ich endlich zum Lesen. Sie macht Hausaufgaben und ich empfinde tiefstes Mitleid mit ihr, denn gerade, als Durruti 1923 ins Exil gehen muss, da der Diktator Primo de Rivera ans Ruder kommt und die Reaktionäre in Spanien ihm und Ascaso das Genick brechen würden, müssen wir auch schon los. Und sie ist noch nicht einmal annähernd mit den Hausaufgaben fertig. Selbstverständlich würde mir das am Arsch vorbei gehen; wenn ich keine Zeit habe, meine Hausaufgaben fertig zu machen, dann lasse ich es halt, aber in Russland sieht die Sache anders aus, da wird strenger gegen Unverschämtheiten wie mich vorgegangen. Sie wird also noch spät in der Nacht an Deutsch, Literatur, Geometrie und Geografie sitzen, weil wir jetzt nämlich zur Metro müssen.

Also wieder raus in die Kälte. Es regnet (welch Abwechslung). Die ganzen Pfützen werden wie ein Hindernisparcours hinter uns gebracht. Gutes Training, das Hüpfen. Und vielleicht gleicht es auf Dauer ja das viele Essen aus? (SICHER doch...) (Wir wollen doch nicht sarkastisch werden?) (Niemals!) Und dann freut sich das kleine Margot, weil es endlich mal Metro fahren darf. Klar, erhöhtes Risiko, so viele Menschen, bla bla bla. Aber es musste einfach mal sein. Ja, ich geb‘s zu: sie ist voll, stopfig, wackelig, kaputt. Absolut überschätzt. Und auf den ersten Blick verständlich, dass hier Anschläge befürchtet werden, bei den Menschenmassen. Und trotzdem, wer will schon aus Moskau zurückkommen und behaupten, er sei nicht Metro gefahren? Als ginge ich nach Grönland, ohne auf Eis gestanden zu haben. Das ist absurd, durch und durch undenkbar. Und dabei gefällt mir die Metro. Da drin, da schwingt alles hin und her. Es ist ohrenbetäubend laut. Und ich muss sofort überlegen, wie laut es eigentlich objektiv gesehen ist. Es wirkt wirklich laut, aber wenn ich mir (diesmal echte) Rockmusik reinziehe, dann ist die doch mindestens genauso laut, oder? Und der Vergleich mit lauter Rockmusik passt tatsächlich. Die Menschen tanzen jetzt schon, im Takt des lauten Rauschens, das durch die Fenster geflutet kommt. Es gibt nur drei Sorten Mensch: Jene, die in der Metro schlafen, die, welche in der Metro lesen und solche wie mich, die gedankenverloren ins Nichts starren. Und sie alle tanzen, tanzen in diesem gottbelebten Rhythmus der kreischenden Monotonie. Das sanfte Kopfnicken (bang your head! Hell yeah!) mit geschlossenen Augen läuft synchron ab zu dem gelegentlichen Umblättern der Seite im Buch, ein perfekt einstudierter Tanz. Das macht Lust auf’s Ballett, ob die Ballerinas wohl auch so perfekt synchronisieren? Ob das Orchester dem vollkommenen Geräusch des Undefinierbaren nahe kommen wird?

Um sich von diesen Vermutungen überzeugen zu können, ist es nötig, im Balschoj- Theater angekommen, vorzugeben, man wäre der russischen Sprache mächtig. Es reicht tatsächlich, zu grinsen, immerzu (möglichst chillig russischen Slang nachahmend) „da“ und „spassíba“ zu sagen und darauf zu hoffen, die Handzeichen der Wegweiser richtig gedeutet zu haben. Denn irgendwann kommen wir an unseren Plätzen an und ich stelle mit tiefster Bewunderung fest, dass das Ballett die Metro um einiges übertrifft. Für achtzig Rubel erlebe ich das also! Keine drei Euro sind das! Es ist einfach unbeschreiblich, sollte ich je wieder nach Moskau kommen, werde ich wieder in dieses Theater gehen. Es war wunderschön, mehr dazu zu sagen ist mein Krüppelhirn nicht imstande, einfach anschauen! Denn das muss man einfach gesehen haben! Und ich wette, es ist egal, was man sich ansieht! Wir hatten nun die Ehre, Schneeglöckchen zu sehen (wobei wir anfangs immer an „Schneewittchen“ hingen, weil die werten russischen Deutschlehrer es nicht gepeilt haben, den Märchentitel gescheit zu übersetzen! Die Verbindung zwischen Geschichte und Titel des Stückes wurde einem also erst im Nachhinein klar).

Der Weg zurück in der Metro unterscheidet sich natürlich kaum von dem Hinweg. Es ist immer noch genau so voll, alles hektisch, man verliert sich unheimlich schnell in diesem Gedrängel. Wer da hinfliegt, ist gearscht.

Und auch der Tanz in der Metro geht weiter. Obwohl die Frau, die liest, ihre Augen kaum noch offen halten kann. Jene, die zu schlafen versucht, scheint sie nicht geschlossen halten zu können. Da stellt man sich doch glatt die Frage: warum kein Rollentausch? Der Gedanke ist wohl zu abwegig. Und überhaupt: verklickere das mal einem Russen, wo du doch selbst kein Wort Russisch sprichst!

Und nach der Metro werden wir von den Papis abgeholt. Jetzt noch die vierzig Meter zu laufen, wäre für uns Kinder auch wirklich gefährlich! Also müssen wir warten, bis sie kommen. (Kommen, uns zu holen! Nyhaha!) In der Zeit kämen wir fünf Mal zu Hause an, aber gut. Habe ich doch immerhin genug Zeit, in dem widerlichen Metrowind zu stehen und die Kioske zu inspizieren. Viel Scheiß, viel billiger Tabak (wenn ich doch nur Raucher wäre... fast Grund, anzufangen...), WC für dreiundzwanzig Rubel! Leider kein Jackie, aber WC ist WC. Mal sehen, wo und wann ich mir das Zeug ziehen kann... tja, in meine Flut der Endorphine platzt der Pappi (soll jetzt nicht abwertend klingen, DIESER Mann ist zwar wirklich zu alt für mich, aber sexy ist er immer noch...) und wir können endlich heim. Da freu‘ ich mich erst mal über den Aufzug. Scheint nicht genug zu sein, dass zwischen festem Boden unter den Füßen und Aufzugboden ein fünfzehn Zentimeter breiter Spalt ist, der tiefe Einblicke in den viel zu weit nach unten führenden Fahrstuhlschacht gewährt, nein, wenn man den Aufzugboden betritt, muss der ja auch erst einmal mit einem Ruck zehn Zentimeter nach unten sinken. Wie auch immer dieser Kasten konstruiert wurde, ich bin froh, wenn wir heile oben ankommen, bzw. überhaupt irgendwo ankommen. Aber dieser Schimmel an den Stellen, wo sich der Boden gelöst hat, die vielen abgewetzten Sticker, welche die Kinder im Haus an die Wände geklebt haben und die kaputte 7-Taste, ruft eben wegen des Existenzminimum-Charakters diese kleine Welle der Wärme in meinem Herzen wach, weil ich weiß, dass ich diese Erinnerung nicht mehr verlieren werde.

Wir essen auch wieder, aber gut! Die arme Alla setzt sich tatsächlich noch an ihre Hausaufgaben, ich kann schlafen. Ich sag’s ja: bei uns würden so viele Hausaufgaben nur heftigste Rebellionen auslösen. Gott sei Dank hab‘ ich Niels den Unterschied zwischen Rebellion und Revolution heute schon auf’m Kreml erklärt, jetzt wäre ich dazu garantiert nicht mehr in der Lage. Jetzt ist Schlafenszeit.

Was ich nie auf Russisch werde sagen können, würde diesem Bericht einen schönen Schlusspunkt setzen. Doch ich werde mein „Gute Nacht“ bei Lebzeiten nicht mehr lernen.

Liegt wohl an meinem Um-Teufels-Willen-nichts-falsch-sagen-wollen-Komplex.
22.6.06 11:15


Es war nicht gut, diesen Morgen aufzuwachen, als es den ganzen Tag dämmerig zu werden versprach, die Vögel nicht sangen, als hätte ihnen das Rauschen des toten Laubes, welches lauter blätterte als üblich, die Stimmen geraubt, ihnen ihren paradiesischen Gesang verstummen lassen. Sie lag schon nicht mehr neben mir, als ich die Augen öffnete und am liebsten hätte ich Strg+Z gedrückt und die Konsole gestoppt oder wenigstens auf die alt-Billy-Funktion zurückgegriffen und mein Aufwachen rückgängig gemacht. Ich spürte genau den Ärger, den sie hinterlassen hatte, sie mochte nicht, wenn ich manchmal den Wecker nicht hörte, es war wie nachts, wenn ich das Telefonklingeln nicht wahrnahm, so fest schlief ich manchmal, und sie wartete und die Nachttischlampe nicht anknipste, sondern demonstrativ anknipste und auch den Hörer abnahm und sich danach wieder zum Schlafen neben mich legte, mit dem Gesicht zur Wand. Sie verabscheute es, ich wusste das, aber ich hatte leichte Halsschmerzen an diesem Morgen und ich zog mir meinen Bademantel an, als ich zum Frühstücken hinunterging. Sie schnitt Brot mit der Brotschneidemaschine und ich sah an ihrem Hinterkopf, dass sie genau wusste, dass ich in der Küche war und Hunger hatte, und ich setzte mich an den Tisch, da wo ich immer saß, wo sie einen kalten Tee hatte stehen lassen, obgleich ich nur Kaffee trank am Morgen. Und sie trank immer Tee zum Frühstück und ich mochte es nicht, sie wusste es genau, fast hätte ich an ihrem Hinterkopf die Zynik herausgelesen, fast. Der Aschenbecher stand im Waschbecken, ich hatte aufgehört zu rauchen, das hatte ich den Kindern versprochen, als sie nach Hause gekommen waren. Es waren Projekttage gewesen für die dritte und vierte Klasse und ich sah, dass sie geweint hatten, es schimmerten immer noch Tränen in ihren Augen. Ich will nicht, dass Papi Krebs in der Lunge kriegt, hatte sie den ganzen Tag zu ihrer Mutter gequängelt und sie sah mich dabei böse an, als hätte ich den Kindern was getan. Der Kleine fragte, warum muss Papi früher sterben weil er raucht, und sie beruhigte ihn, ich müsse gar nicht früher sterben, ich werde noch viele Jahre leben und hundert Jahre alt werden; dein Vater wird dich nie verlassen und das versprechen wir dir, hatte sie gesagt. Und ihr Versprechen war mein Versprechen, aber diesen Morgen brach ich es. Ich bließ die weiße Luft gen Küchenlampe, der Kühlschrank surrte im Hintergrund und es hörte sich an wie das Hab ich Dir heute schon gesagt, dass ich Dich liebe von Chris Roberts und ich sah des Kühlschrankes peitschendes Grinsen, diesen Spott, als er das Lied sang. Er war alt, ich hatte Lust, den Stromstecker auszureißen, der Kühlschrank erinnerte mich an meine Jugend, als wir ihn gekauft hatten, so alt war er schon, und an den Tag, als ich zwei Murmeln auf der Straße fand und in meine Hosentasche schob. Wenn es auch nicht meine Jugend war, aber schon gute sechs Jahre her, wir hatten viel zu früh Kinder bekommen. Und da wusste ich genau, ich war so unjung und mein Elan war flöten gegangen und ich wollte nicht, dass es noch schlimmer wurde, wollte den Energiefluss unterbrechen, dem Leben seinen berühmt berüchtigten bleiernen Schlusspunkt setzen; den Kühlschrank ermorden, wenn man so will. Ich stand schon auf und ging auf das Hab ich dir heute schon... zu aber ich öffnete die Kühlschranktür und daran hing der Name meiner Tochter mit Magnetbuchstaben gepuzzlet. Ich wollte viel Butter heute morgen aber sie schnitt das Brot gerade und ich legte den weichen Klumpen auf den Tisch, da ist jetzt wahrscheinlich ein fettiger Fleck drauf, aber irgendwann wird sie es aufwischen, vielleicht morgen, oder schon heute Nacht, weil sie nicht schlafen können wird. Oder sie wartet noch Tage und dann wird irgendwann ihre Mutter zum Aufräumen vorbeikommen, obwohl sie es verabscheut, wenn ihre Mutter in unserer Wohnung aufräumt, das weiß ihre Mutter genau, aber diesmal wird es ihr nicht viel ausmachen. Ich setzte mich neben die glänzende Butter und sah ihr eine Weile dabei zu, wie sie das Brot schnitt und sie war fast fertig und ich habe jedes Mal Angst, dass sie sich schneidet, vor allem, wenn sie wütend ist. Ich goss viel zu viel dickflüssigen Honig in meinen Tee und trank ihn dann, und ich hoffte, der Halsschmerz würde dabei wie von allein verschwinden. Bringst du nachher den Jungen zum Baseball, fragte sie und ich erschrak und schmiss dabei die alten Tageszeitungen vom Tisch zusammen mit ihren Weiberzeitschriften und einem Trinkglas, das der Kleinen gehörte. Und sie zuckte zusammen dabei und hörte auf, das Brot in der Brotschneidemaschine zu schneiden. Ist gut, sagte ich, und ich sah in ihren Augen, dass nichts gut war, aber ich sagte nichts mehr und warf die Zeitungen in den Flur, wo noch mehr alte Stapel alter Zeitungen standen, die jetzt umfielen und sich auf dem dunklen Parkett verteilten. Und ich wischte die nassen Scherben auf und sagte Ja, ja, ich bringe ihn hin, ich warte dann mit ihm und dann fahren wir zum See, weil ich den Kindern doch versprochen habe, mit ihnen Drachen steigen zu lassen und sie wollen bestimmt, dass du mitkommst. Und ich setzte mich wieder und trank den Tee fertig und wir schwiegen, wir schwiegen auch noch, als sie fertig war mit dem Brotschneiden und jeder sah etwas anderes, sie starrte auf das Plakat neben dem Fenster, welches die kleine in der Schule gemalt hatte, mit einem Pferd und einem gelben Kleid und ich hatte auf dem Bild blaue Haare und die Sonne hatte einen roten Mund aber keine Augen. Ich sah aus dem Fenster und durch das Fenster, durch die Scheibe, durch die Fensterbank und dann durch das Fernglas, ich war aufgestanden. Und dann fragte ich noch, wann sie die Telefonrechnung bezahlen würde weil ich den ungeöffneten Brief sah, der da stand und sie antwortete nicht und ich wusste, dass diese Bemerkung gemein gewesen war. Also schwiegen wir lange weiter und das Kühlschranksurren hörte auf, bis wir die Uhr ticken hörten. Und wir waren so in unser Schweigen vertieft, dass wir auch nicht aufstanden, als es Zeit dazu wurde, obwohl wir die Uhrzeit genau vor Augen hatten. Und weil die Uhr in seinem Zimmer richtig ging, kam der Kleine um elf in die Küche und strahlte übers ganze Gesicht und sie sagte, ah, da bist du ja, ich fahre mit, freust du dich schon, und er nickte nur und dann lachte er, ich nahm die Autoschlüssel und ging in das Schlafzimmer, erst jetzt, weil sie nicht gesagt hatte, ich solle mich umziehen. Der Baseballschläger war schwerer, als ich ihn in Erinnerung hatte und meine Halsschmerzen gingen nicht weg aber ich sagte nichts und ich redete nicht mit ihr während der Autofahrt und der Kleine erzählte von seinem Baseballtrainer und von dem neuen Freund, den er in der Mannschaft gefunden hatte und als wir da waren, rannte er so schnell aus dem Wagen, dass er stolperte und das brachte ihn zum Weinen. Das Trösten war ihre Sache, es ist immer ihre Sache, obwohl ich es mir auch zumuten würde, aber sie scheint es nicht zu tun, schon gar nicht, als sie sauer auf mich war, also nahm sie ihn in den Arm und ignorierte mich schlechthin und ich fühlte mich ein bisschen verlassen als regloser Zuschauer, fast wie einer dieser Gaffer, nur Schaulustige. Solche Situationen erinnern mich immer an meinen Großvater, der es hasste, nicht gebraucht zu werden und der es auch hasste, wenn ihn Leute begafften manchmal oder wenn sie andere begafften, einfach, wenn die Menschen gafften und nutzlos umherstanden und nur im Weg waren und sich eigentlich nur ein bisschen Abwechslung wünschten in ihrem traurigen Leben. Er kannte die Menschen gut, das glaube ich jedenfalls und er sagte immer, dass sie auch nichts dafür könnten, es liege eben in der Natur des Menschen zu gaffen, sie hoffen immer, dass etwas passiert, sogar etwas schlechtes kommt ihnen Recht, sie mögen es, wenn andere leiden, wenn sie es auch nie zugeben würden. Und sie freuen sich, wenn ein Bus mit voll Karacho in einen Baum fällt und das Blut spritzt und überall Scherben sind und die Feuerwehr kommt und die Polizei, wenn sie dann ihre besorgten Mienen aufsetzen können, Tränen in den Augen, Entsetzen, Hilfsbereitschaft, Mitleid, Menschlichkeit. Aber in Wirklichkeit beten sie nicht zu Gott, dass alles in Ordnung kommt, sie danken ihm nur dafür, dass er ihre vorigen Gebete endlich erhört hat und etwas geschehen lässt, etwas, was ihre Aufmerksamkeit endlich, endlich für einige Minuten auf etwas anderes lenkt, hinfort von ihrem alltäglichen Leben, von der Routine, die sie Tag für Tag durchleben müssen, von der Arbeit, die sie hassen und trotzdem verrichten müssen, weil sie als Jugendliche keinen Sinn für Zukunftsplanung hatten und sich alles verbauten, hinweg von ihrer Familie, von der kranken Großtante, vom pubertierenden Neffen, von der zerstörten Ehe. Abends können sie dann beim Abendessen feierlich schweigen und müssen sich nicht die immer neuen Geschichten erzählen lassen, die ihre Frau beim Friseur aufgeschnappt hat, können endlich in Ruhe an ihre eigenen wohlverdienten Erfreulichkeiten denken und so tun, als wären sie immer noch benommen ob des schrecklichen Unglücks, dass der Herrgott den Menschen zustoßen lassen hat in seiner Ewigen Barmherzigkeit. Wie konnte er das nur Zulassen? Wie kann er es wagen, barmherzig zu sein, und uns nicht den Grund für die Qual auf Erden verständlich zu machen? Es wäre doch alles so viel leichter, wenn er uns das Gute zeigen würde, wir wissen, dass der Unfall nichts schlechtes sein kann, doch warum lässt er uns im Unklaren über die endlose Güte, die er uns damit zuteil haben lässt? Sie wissen es genau, die sie diese Fragen stellen, sie wagen es nur nicht, es auszusprechen. Es ist schlicht ihr eigener Wunsch gewesen, einen Grund zu haben, Gott diese Fragen endlich wieder stellen zu dürfen.

Mein Großvater hasste diese schamlose Menschlichkeit, und noch mehr hasste er die Tatsache, dass er selbst sie immer auslebte. Doch er wehrte sich nicht dagegen, er tat zwar so als ob, aber ich glaube, in Wirklichkeit genoss er sie wie all die anderen, nur versuchte er das durch seine ewigen Monologe zu überspielen. Und das habe ich von ihm übernommen, seit er gestorben ist, ich erkenne mich in seinen Eigenarten wieder und doch leugne ich es auf gewisse Weise. Es war ein tragischer Tag, sein Todestag, er war noch nicht besonders alt damals, eigentlich wusste ich sein genaues Alter nie, aber er wirkte immer recht frisch und so war es ziemlich erschreckend, als er sich auf einem Anglerausflug plötzlich an einem Stück Brot verschluckte und ins Wasser fiel, ertrank. Letzten Endes weiß niemand so genau, woran er eigentlich gestorben ist, ob es das Brot war oder die Tatsache, dass er überhaupt nicht versucht hatte, wieder aufzutauchen, was ich nämlich glaube, es ist zwar nicht bewiesen, doch der Autopsiebericht sagt, er habe sich nicht gegen das Ertrinken gewehrt, jedenfalls nicht gestrampelt, wie ein Mensch das normalerweise tut, um wieder aufzutauchen und nach Luft zu schnappen. Und ich glaube der Technik und Medizin oder was auch immer unserer Spezies die Möglichkeit gibt, herauszufinden, was mit dem Körper genau passiert ist vor seinem Tod und ich glaube, dass mein Großvater einfach aus Trotz nicht versucht hatte, zu überleben, er war sowieso schon seit drei Jahren in Rente und hatte wohl keine Lust mehr auf dieses ewige hin und her, auf die ganzen Predigten über Moral und die Gesellschaft und auf seine gespielte Menschenkenntnis, dabei interpretierte er immerzu allein sich selbst, wer hätte schon gedacht, dass er dem Rest der Welt so ähnlich war?

Irgendwie ging es wieder, sein Knie war aufgeschürft aber blutete nicht einmal und er hatte nur Zirkus gemacht, wie er das eben immer machte, bestimmt gewöhnt er sich das noch irgendwann ab, wenn er ein Paar Jahre älter ist. Eigentlich schade, es ist doch eine gute Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber wahrscheinlich hilft das nach einer Weile nicht mehr, wenn man schon ein großer Junge ist, dann heißt es von uns Eltern nur noch "mach kein Theater" und man muss sich benehmen und zusamenreißen. Aber ich hatte so große Lust, das auch mal zu probieren und als er mit seinem Freund redete und ihm sein Knie zeigte und lachte und übertriebene Gesten machte mit seinem schweren Baseballschläger, der fast so groß war wie er selbst, so kam es mir jedenfalls vor, da stand ich auf, rannte los und ließ mich theatralisch auf den Schotter fallen und find an zu quängeln und zu jammern und hielt mir mein Knie. Ich habe immerhin ein Träne und eine halbe hervorgepresst, ich bin fast stolz darauf gewesen, aber sie schüttelte lediglich den Kopf und sah mich böse an. Also ich fand das witzig. Bin also aufgestanden und ein paar Schritte zu ihr gehumpelt aber sie drehte sich von mir weg und griff nach ihrer Sonnenbrille, ist dann direkt an mir vorbeigerannt, als hätte ich ihr was getan. Ein bisschen verletzte es mich doch, immer wieder das Gleiche, und die Art, in der sie das machte, so boshaft und versteckt, ein Fremder hätte es wahrhscheinlich nicht wahrgenommen aber ich kenne sie schon seit Jahren, ich kenne ihre Gesten, ihre Mimik und was sie mir sagen will. Also humpelte ich einfach zu den Zuschauertribünen und als niemand reagierte und nur ein par entsetzte Eltern die Köpfe schüttelten und ihre Gesichter erschrocken wegdrehten, als ich sie ansah, hörte ich auch mit dem Humpeln auf und setzte mich schweigend auf die kalten Bänke, um meinem Sohn beim Spielen zuzusehen. Es war ein klasse Wetter, obwohl es nicht sonnig war und der Wind zwar schwach, aber kühl und ich hatte das Gefühl, es würde stürmen und schneien und regnen und hageln und alles auf einmal, als bräche die Welt plötzlich zusammen, als zerrissen die scharfen Eistropfen meine Haut, wie kleine Scharfe Klingen, aber da war nichts und ich wusste nicht einmal, woher sich diese zweite halbe Träne nahm; ich schob es darauf, dass halbe Tränen keine ganzen sind und ich mir zu stark einzureden vermochte, dass sämtliche Körperteile von dem Sturz schmerzten.

Die Zeit ging vorbei und es wurde kühl und ich klatschte, als mein Sohn etwas tolles zusammenspielte, ich habe ja keine Ahnung von Baseball aber die anderen waren beeindruckt und sahen mich an. Das ist also der Vater des kleinen Burschen, sieht man den auch mal, ja der bringts doch noch zu was und mir bleibt nichts anderes übrig, als stolz dreinzuschauen und dem Kleinen zuzujubeln und ihn zu loben, so wie es der Trainer tat. Und dann nach endloser Zeit wie es mir schien, war sein Training endlich vorbei und ich war froh, weil ich nicht noch länger in diesem eingebildeten Unwetter sitzen wollte. Und ich musste wieder an meine Halsschmerzen denken und dann war ich wieder traurig, weil sie immer noch beleidigt war und ich sie immer noch liebte, das wusste ich genau, und ich werde sie immer lieben aber sie war wütend und vielleicht wäre es besser gewesen, sie wäre nicht mitgekommen. Wir fuhren einen Umweg zum See, weil die Kleine bei ihrer Freundin übernachtet hatte und ich mochte die Gegend nicht, da wo die ganzen reichen Leute wohnen. Ich bin nicht arm, eigentlich sind wir sogar gut dran, aber trotzdem war diese Gegend arrogant, da hatten alle kleine Gärten, kleiner als unserer, aber dafür mit Baggern und Maschinen geebnet und meistens mit einem Swimming Pool, dabei haben nicht mal wir einen Swimming Pool, nur ganz viel Platz für die Kinder zum Toben, obwohl die sich immer einen Swimming Pool wünschen aber wir erfüllen ihnen diesen Wunsch nie und sie freuen sich nur, in diese scheußliche Gegend zu kommen wo auch die hässlichen Zwerge in den Garten stehen und noch hässlichere Engel und ein Haus hat sogar einen eigenen Brunnen, der alles gesunde Maß an Hässlichkeit überschreitet, aber sie freuen sich immer und finden ihn toll und ich lächle sie dann immer an und sie nickt mit dem Kopf, bis wir daran vorbei sind. Die Familie der kleinen Freundin ist ganz in Ordnung, bei den Elternabenden grüßen die einen immer nett und wenn es auch nur Höflichkeit ist, immerhin sind sie höflich und haben Anstand, ich hasse Menschen, die nicht höflich sind, wenigstens grüßen müssen sie einen und sich Kleinigkeiten merken, einen guten Tag wünschen und nach der Arbeit fragen, sonst nichts, aber nach der Arbeit, jede Form von Interesse am Familien oder Liebesleben empfände ich als aufdringlich und als Einmischung in mein Leben, oder die Frage nach der Gesundheit, das war zu viel und höchstens angebracht, wenn wirklich peinliches Schweigen entstand und man es schnell überbrücken wollte, aber ich mochte peinliches Schweigen, ich selbst finde so etwas nicht peinlich, viel mehr schätze ich Menschen, die mich einfach in Ruhe schweigen lassen und ihre Klappe halten können. Sie waren okay und die Kleine verabschiedete sich freudig von ihrer kleinen Freundin mit ihrem Teddy unterm Arm und der rosanen Sporttasche, in der sie ihre Zahnbürste und den Schlafanzug hatte.

Wir sind dann direkt zum See gefahren, die Eltern haben uns noch gefragt ob wir einen Kaffee wollten, aber wieder nur aus Höflichkeit, mit ihrem grünblauen Fußabtreter, und sie wollten eigentlich gar nicht, dass wir einen Kaffee trinken, als wäre es schon zu viel des Guten dass sie meiner Tochter eine Nacht lang einen Schlafplatz hatten bieten müssen und die Kleine war froh, als sie ging, obwohl sie manchmal auch jammert und quängelt, dass sie bleiben will und im Auto hat sie dann erzählt von ihren großen Abenteuern mir ihrer Barbie und dem Barbiepferd. Und sie wollte auch ein Barbiepferd und sie hatte fast Tränen in den Augen als ich den Kopf schüttelte und das war ihr so wichtig, der Wunsch nach einem Barbiepferd war so stark, dass sie ich schon gar nicht mehr traute, zu betteln, ich wusste das, wenn ihr etwas sehr, sehr am Herzen liegt, ist die Angst davor, es nicht zu bekommen, so groß, dass sie schon gar nicht fragt weil ich nein sage, weil Eltern anfangs immer nein sagen, bis man lang genug gebettelt und einen mit großen Kinderaugen angeguckt hat, das kenne ich noch von meiner Kindheit, immerhin erinnere ich mich an das und bei mir war das immer so und eigentlich ist das traurig, weil sie dann auch von mir manche Sachen kriegt, die ihr weniger wert sind, weil sie sich da eher traut, lange zu fragen und anderes Zeug, ohne das sie schier nicht Leben kann, bekommt sie nie, obwohl sie sich das doch so sehr wünscht. Es ist absurd und ich hasste mich in dem Moment schon dafür, dass ich mit dem Kopf geschüttelt hatte und dann vergaß ich es wieder und versuchte, in meinem Augenwinkel zu erkennen, was sie tat, aber sie ignorierte es, sie sagte nichts sondern sah nur auf die Straße und plötzlich regte ich mich auf, dass ich nicht fuhr sondern sie, und ich nahm mir vor, auf dem Rückweg am Lenkrad zu sitzen dabei hatte ich meinen Führerschein nicht dabei aber man wird hier sowieso nie kontrolliert, es kam mir nur so in den Kopf und ich wollte außerdem ein Barbiepferd für die Kleine kaufen, das nahm ich mir ganz fest vor, diese zwei Sachen, gleich morgen wollte ich zum Spielwarengeschäft und dann das coolste Plastikpony von allen kaufen, am besten in lila mit ganz viel Glitzer in dem Haar, was giftig ist, wenn Kinder es schlucken, aber sie lutscht ja nicht an dem Barbiepferd herum und dann wollte ich eine Barbiekutsche dazu kaufen und einen Barbiehund und Barbiereithelm und den ganzen Schrott, ich wollte mal so richtig viel Geld für Barbies rausschmeißen nud mir selbst würde ich dann eine von diesen Barbiekatzen kaufen, die im Dunkeln leuchten, fluoreszierend oder so nennt man das, diese ganze Technik, von der ich damals nichts wusste und ich habe ja keine Ahnung davon, aber ich hatte gehört, dass die Dinger radioaktiv seien und dann wollte ich mir sowas kaufen und es schlucken, vielleich bekäme ich davon ja ein Magengeschwür oder Leberkrebs, einen Tumor, der so schnell wucherte, dass man mich nicht mehr hätte retten können und dann würde es ihr vielleicht leid tun und sie würde mir vielleicht sagen, dass sie mich noch liebt und ich könnte ihr auch sagen ich liebe dich und dann hätte mein bevorstehender Tod die Familie gerettet, nur wäre es dann umsonst gewesen, das Rauchen aufzugeben, also hoffte ich, dass das Plastikzeug mich nur krank machen würde und nicht gleich töten, weil sonst möglicherweise noch jemand einen klitzekleinen Anflug von Trauer bekommen könnte, außer natürlich ich verreckte an der Barbiekatze und sie würde den ganzen Barbiekonzern da verklagen und Millionen dafür einsacken und reich und glücklich sein, dann wiederum würde ich meinen Tod auch wieder bereuen, weil ich dann ja nichts mehr vom Geld hätte, ganz schön verzwickte Situation... Aber mir kam ein Geistesblitz und ich wusste, dass es gar nicht so schwer war, ich musste nur meinen Tod an der Barbiekatze vortäuschen und die ganzen Ärzte, die die Autopsieberichte schrieben, bestechen mit dem Geld, das ich noch bekommen würde und der Gedanke gefiel mir und machte mich ein bisschen munter und als wir am See ankamen lächelte ich sie an, weil ich für einen Augenblick vergessen hatte, dass wir sauer aufeinander waren und uns hassten aber sie lächelte ja sowieso nicht zurück.

Wahrscheinlich war das alles gar nicht so wichtig an dem Tag und vielleicht bildete ich mir etwas darauf ein, da hatte sie manchmal Recht. Aber die Kinder spielten und freuten sich über den Drachen obwohl ich ihnen immer helfen musste, ihn in die Luft zu bringen und er blieb auch nie lang oben aber immerhin flog er und der Wind konnte sich nicht entscheiden, ob er existieren wollte oder nicht.

Ich fragte mich, ob es wohl alles in Ordnung käme, wenn ich ihr wie die Kinder sagte dass ich sie liebe, wie lange hatten wir uns das nicht mehr gesagt und ich hatte Angst, dass sie nicht sagen würde ich liebe dich auch, ich hatte nur deshalb Angst, es ihr als erster zu sagen weil ich es hören wollte, ich wollte aus ihrem Mund hören ich liebe dich auch aber die Angst war so groß, sie hätte auch nein sagen können oder mir nicht zuhören oder mich anschreien und des Lügens beschuldigen oder sofort die Scheidung einreichen dabei liebte ich sie doch immer noch, wenn es auch schon lang so ging und es quälte mich so sehr, dass ich es nicht sagen konnte und es zerriss mir das Herz weil ich wusste, dass es am nächsten Tag schon zu spät sein könnte, aber ich wagte es einfach nicht, stattdessen hörte ich den Kindern zu, wie sie hüpfend lachten und schrien. Papa, Papa, der Drache, Papa! Mama, schau, es fliegt, ich kann fliegen! Und sie saß im Schatten und sah ihnen zu und lachte mit ihnen und einmal lief die Kleine zu ihr und umarmte sie und sagte ich hab dich lieb, Mama und ich dachte, ich liebe dich, Mama und dann musste ich ihm schon wieder helfen den Drachen in die Luft zu bringen, wahrscheinlich hatte ich schon einen ganz roten Kopf vom Rennen, rot wie Tomaten, die ich nachher noch zu kaufen hatte, ich wollte ja im Supermarkt vorbei. Ich dachte es so oft und so laut, dass ich erschrak und nicht mehr sicher war aber ich hatte es nicht gesagt. Ich pflückte eine Blume. Die Melodie ging nicht mehr aus meinem kopf, hab ich dir heute schon gesagt, dieser Kühlschrank, ich hatte so eine Wut auf ihn und die Wolken lachten mich aus, so nutzlos und lachten, ich schrie HA! HA! Aber niemand verstand meinen Sarkasmus und meine Wut und dann pfiff ich die Melodie, pfiff und pfiff, eine Krähe flog vorbei.

Sie war es trotzdem, die auch auf dem Rückweg fuhr, ich wollte nicht mehr reden, alles machte mich traurig und ich hasste diesen Gedanken so sehr. Kannst du am Supermarkt vorbei fragte ich, und sie wollte da sowieso hin. Wir fuhren von dem blöden Parkplatz, wo immer Enten an der Ausfahrt herumliefen, ich hasste auch die Enten und dann fuhren wir eine Weile und ich schloss die Augen, das Fenster war offen, obwohl es ziemlich kühl war mittlerweile und ich hätte fast geweint. Ich schaffte es, ich musste es unbedingt sagen, ich weiß nicht, warum es mir wo wichtig war, aber ich fing an: Ich li.. und dann geschah etwas, ich konnte nicht zu Ende reden und weil ich immer noch aus dem Fenster sah, sah ich auch, dass wir in eine Kurve fuhren, ohne sie zu nehmen, sie lenkte noch nach links, aber der Baum war schneller als wir. "Scheiße!" hörte ich sie schreien, die Kinder kreischten hinter mir. "Scheiße."

Ich kann mich daran erinnern, wie ich starb. Ein Schaulustiger fragte mich, ob ich Angst habe, ich wollte den Kopf schütteln, Angst hatte ich keine, eher eine ehrfürchtige Vorfreude auf den Augenblick, in dem ich genau zwischen Leben und Tod stehen würde, ein Augenblick, der eigentlich nicht existierte, doch er war das Gefühl, das man fühlte, wenn man diesen kleinen Sprung wagte. Es gab nur ein Davor und ein Danach, das Dazwischen war nicht real, doch gerade dieses Unreale reizte mich, meine Gier. Meine Vorfreude löste sich auf, als ich merkte, dass ich bereits tot war, es enttäuschte mich bitter. Im Moment des Todes fühlt man nichts; der perfekte Schmerz, von dem ich so oft geträumt hatte, war nur ein Hirngespinst gewesen und ich wusste, dass mein totes Gehirn nicht mehr imstande war zu solch Fantasien. Ich erinnere mich genau, es passierte nichts danach, außer dass ich die Menschen sah und meine leblose Hülle, aber sie war mir weniger wert, als den weinenden Zurückgebliebenen, die nicht verstehen, dass ich nicht mehr in ihr bin. Von oben sehe ich sie noch, die Kinder schlafen und sie ist alleine in der Küche mit dem Butterfleck auf dem Tisch und sie kann mich nicht sehen. Und sie sitzt so alleine in der Mitte der Küche, dass sie verlassener nicht wirken könnte, und lehnt mit geschlossenen Augen an der Schwarzen Stuhllene.
22.6.06 11:15


Rasenmäherphobia

Er war nicht xenophob, nur

ein vulkanisierter Volksbohrer

ohne weibliche Scham und

Wundheilkraut.




Er fand sich auf seinem hochblauen Bett liegen, am Zwieback knuspernd. Wie er es hasste, diese Krümel, überall waren Krümel, so hart und klein und kratzig, panierte Schraubschlüssel in seinen Poren, Pökelsalz. Zwischen seinem Unterhemd waren sie und wenn er darüber strich, bissen sie sich allerhöchsterweise noch fester in den Stoff, spitze Pitbullkieferstarren in seiner Haut, die doch sicher schon ganz Schorf war, und es blätterte ab, das getrocknete Blut, bildete selbst noch größere Krümel dabei. Er blickte an seinem Hemd herab und es packte ihn ein wundes Erstaunen darüber, dass daran kein echtes Blut war, doch immerhin, es war schon nicht mehr weiß, eher gelblich-braun, beige, wüstenkamel. Und ein Sabberfleck war da, der ihm so fettig äugte. Blödsinn, dachte er, ich spucke doch kein Fett. Aber als er den Gedanken näher betrachtete, kamen ihm Zweifel und er fragte sich, ob sein Speichel denn tatsächlich kein Fett war. Dieser plötzliche Gedanke überwältigte ihn, ihm wurde schwarz vor Augen, noch schwärzer, eventuell war der Raum schon dunkel, und er spuckte einpaar Male auf seine Handflächen und rieb und rubbelte, bis er die stolze Gewissheit hatte, dass es kein Fett war und der Fettfleck lediglich wie ein solcher wirkte, aber keineswegs als ein jener existierte. Er zog es über seinen Kopf und machte sich an den Versuch, die Krümel von seinem Brusthaar zu kämmen mit seinen zittrigen Fingern, aber immerhin waren es schöne Finger. Die Krümel wurden weniger auf seinem Bauch, doch sie zerbröselten unaufhaltsam, immer mehr, flink und unbesiegbar, landeten in seinem Hosenspalt, große Klasse. Er sah sich sexy in der Hose und ihm scheute davor, sie auszuziehen, tat es dennoch, die Unterhose mit, fühlte sich nackt, zu nackt, die Panik stieg lauthals in ihm auf, er fühlte sie, und sich, gleich würde er in ihr ausbrechen. Er hätte es wirklich getan, doch zum Aber schaffte er es noch rechtzeitig ins Badezimmer. Obwohl er in seiner Wohnung immer allein verweilte, fühlte er sich allein im Badezimmer ganz wohl in nacktem Zustand, überall sonst plagten ihn die üblichen Paranoia, unheimliche Geschichten von versteckten Kameras; Verbrecher, Internet, Nacktbilder, Verkauf, Kinderschänder, sie suchen sich ihr Opfer anhand der Fotos. So ein Mist, er war doch kein Kind mehr. Er duschte sich, still zittrig, schäumte sein kurzes Haar ein, den Rest seines Körpers, die Wasserleitungen röchelten ihn an, als er das Duschwasser lauter stellen wollte. Manchmal hatte ihn das früher geängstigt, aber jetzt nicht mehr, ihm lag der Klang sogar ein bisschen schön im Ohr, nur das Wasser wärmte sich nicht mehr. Er duschte ziemlich kalt, ziemlich lange, bis die Krümel sich verdünnisiert zu haben schienen, wie seine Finger, die unter ihrer eigenen Haut zerschrumpelt waren. Seine Augen schmerzten und sein Zahn, er hatte kein Handtuch im Badezimmer, wie lange er es wohl wieder nicht benutzt hatte? Die Zähennägel waren kurz, die Fingernägel auch, sogar seine Zähne waren, wenn auch kaputt, sauber, darauf hatte er also geachtet. Nass und nackt begab er sich wieder in das dunkle Wohnzimmer und tropfte dabei auf den Teppich. Unwohl war ihm immer noch, doch die kalte Nässe hatte ihn selbst auch gestürzt abkühlen lassen und er nahm die Welt wieder relativ klar wahr, in Glastönen, wie sie zu sein hatte. Fast ungewohnt, so lange hatte er sie wieder nicht gesehen, wusste bereits nicht mehr, wie lange es her war, dass er sich zuletzt etwas zustande gelebt hatte, woran er sich erinnern konnte. Eine Zeitung, ein Zeitungskiosk, wo der war? U-bahnstation, er wusste noch. Ihm gelang es, sich langsam zu erinnern, die verschleierten Bilder, so milchig, wie Mutter, aber sie egalten ihn, er fühlte sich so sexy und redete sich ein, dass die versteckten Kameras nur Gutes für ihn bedeuten konnten, hinsichtlich seines wohlgeformten Körpers, er würde entdeckt, Pornostar. Reich, große Wohnung, großes Bett und guter Therapeut. Eigentlich verlangte es ihm gar nicht nach einem Therapeuten, dachte er, griff sich einen Waschlappen aus einer der Schubladen in seinem rostenen Schrank und tupfte sich damit ab. Es dauerte schon seine Zeit, bis er sich damit getrocknet hatte. Ihm war aber nicht danach, sich ein richtiges Handtuch zu suchen. Ihm lächelte die Ironie dieser Szene zu, das plötzliche Bild vor seinen Augen, wie er sich mit Klopapier abtrocknete. Wie viele Rollen man wohl konsumierte, wenn man seinen gesamten Körper fusselfrei entnässen wollte? Zweilagig, vier? Aus einem anderen Fach des Schrankes nahm er sich eine neue Hose, eine gebügelte. Zwei Hemden schrien danach, von ihm entdeckt zu werden. Er tat ihnen den Gefallen und berührte sie, zog sie aber nicht an; Hemden waren noch nie so sein Ding gewesen, dieses Bügeln, er verstand sich nicht darin, verstand nicht, wie man sich diese Zeitverschwendung geben konnte. Diese Falten, die nie ganz eliminierbar wurden, bei ihm jedenfalls nicht. Er zog die Hose über seinen Unterleib mit der Feststellung, dass sie perfekt passte, noch perfekter als jene, in der er sich vorher vorgefunden hatte.

Mit einem Schulterzucken warf er den Waschlappen vor die Tür zum Waschraum und lief in die Küche. Es war Nacht, eine der schönen, dunklen, heute eine sternlose. Einpaar Sterne blitzen allerdingens hinter dem rötlichgrauen Wolkenhimmel. Grau ob der undefinierbaren Hassgefühle in seiner Brust, rot ob der Apokalypse, die bevorstand, dies Wissen lag tief in ihm, aber wahrscheinlich waren es auch nur die Stadtlichter, die sich mandarinenbraun im tief hängenden Nebel brachen. Kaum Geräusche draußen, das wunderte ihn, aber eigentlich war das überhaupt kein Wunder, bis er das Fenster öffnete, da war es schon ein wenig seltsam, aber das machte nichts, er ließ es der Uhrzeit Werk sein. Welchen Monat die Welt wohl hatte? Welchen Tag? Die Luft war kühl, nicht kalt, sommerfrisch, sommernächtlich, herbsten vielleicht noch, er war in der Stadt, das beruhigte ihn. Immerhin das hatte er noch. Vom Tisch nahm er eine Armbanduhr, eine ziemlich schöne, wahrscheinlich war die nicht unbedingt billig gewesen, aber sicherlich auch nicht teuer, wo sollte er das Geld schon hergenommen haben. Sie passte gut zu ihm, unglaublich. Immer noch barfuß lief er zum kaputten Kühlschrank, der sich gröhlend beschwerte, als er seine Tür öffnete. Sogar Bier im Regal, nichts, worum er sich zu kümmern brauchte. Er öffnete die Dose und gab seiner Kehle einen großen Schluck. Sein Bauch juckte immer noch, die Krümel hatten sich in sein Gehirn gefräst, krümelten dort munter weiter, diese kleinen Widerlinge, und er schmierte sich Feuchtigkeitscreme auf die Haut, in der Hoffnung, dem Juckreiz der imaginären Zwiebackbrocken so entgegenwirken zu können. Elephantbeerschrift glubschte ihm von der Dose, das gab’s also auch noch. Seine Augen gaben nach und gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, so entdeckte er endlich, was fehlte. Ein Gürtel wurde in die Schlaufen seiner Hose gezogen, so unheimlich sexy!, und er verließ seine Wohnung, ohne abzuschließen. Ihm war unwohl, es plagte ihn die Frage: wohin mit seinen Händen? In die Hosentaschen. Genuss der kalten Luft; als er schwungvollen Ganges einen Schulbasketballplatz passierte, fiel ihm der Zahnstocher auf, an dem er kaute. Noch ganz bei Verstand war er nicht, ihm trübte schwer, wann er den wohl genommen hatte. Oder hielt er ihn schon die ganze Zeit an seiner Zunge? Und der Zwieback? Wie lange er schon lief wusste er nicht, wohin, wohin? Es war gefährlich, dachte er, so dunkel, kleine Gassen mit den wenigen Menschen. Kaum Autos, obgleich er sich doch auf der Hauptstraße befand. Vielleicht war die Stadt doch nicht so groß, oder es gab fernere Gründe, aus denen sich keine Menschen in ihr fanden. Wenigstens war er noch jung, Heilung nicht ausgeschlossen, vielleicht würde es diesmal ja was. Er kam tatsächlich an: ein Kiosk, rundumdieuhr, U-bahn, unterirdisch. Bläuliches Licht, fast steril, aber das war es natürlich keineswegs, nur das Licht, wie gesagt, die Wände feucht und ein hustender Straßenfeger kehrte die leere Stationsstraße. Was die Uhrzeit wohl dazu sagte? Warum jetzt fegen, warum solch undenkliche Tageszeiten, warum nachts? Eine Packung Mild Seven und irgendeine Zeitung, der Blick einer Frau traf ihn kritisch, fett und lustlos, im Hintergrund der Geruch eines laufenden Fernsehers, eine alte Sendung, nur der Name war ihm entgangen. Blinde Griffe im Regal, ein Playboymagazin mit Knall vor ihm. Nein, Zeitung, sagte er. Graue Zeitung lag dazu. Wir haben nur noch die Lights, er zuckte die Schultern, obschon er keine Lights rauchte. Zahlte alles mit irgendeinem Geldschein aus seiner Hosentasche, den er wahrscheinlich vorher noch schnell eingepackt hatte und nahm--

Nun hatte er mit seinen Händen endlich etwas zu greifen, er sah in die Zeitung und schmiss sie zwei Straßen später ins Gebüsch. Er hatte kein Feuerzeug dabei und beschloss, einfach zu warten, bis jemand vorbeikäme. Sein Zahnstocher wurde langsam latschig, wahrscheinlich war er es auch schon lang, ganz durchnässt von seinem unfettigen Speichel, aber erst jetzt stellte er es bewusst fest. Neben seiner Zeitung auf dem Bürgersteig hockend, die Füße auf der Straße halb gegrätscht, halb gestreckt, öffnete er die Mild Seven Packung, schmiss die Plastikfolie hinter sich und schob die Schachtel wieder in seine hintere Hosentasche. Dann schlug er das Magazin auf, aber es interessierte ihn kaum. Es waren nur anspruchslose nackte Blondinenfotos, irgendwie nicht sein Ding. Lang saß er so da und blätterte das Magazin durch, das ihn beinahe zu Tode langweilte, bis irgendwann etwas an ihm vorbeifuhr und zehn Meter weiter stehen blieb. Neonröhren. Ein Mädchen stieg hinten aus, dann ein zweites, vor allem das erste wirkte sehr jung, wahrscheinlich noch minderjährig, ein rundliches Gesicht, schwarze Haare, sie gefiel ihm, irgendwie süß. Die zweite war nichtssagender, vielleicht ein, zwei jahre älter, vielleicht auch gleichaltrig, aber blond, größer und schlanker, fast schon dürr, nicht schlank, wie aus der Zeitschrift. Sie gingen zu ihm heran und die Blonde sprach. Was willste denn hier, Süßer? Er nickte nur. Kommst mit, wir haben noch nen Platz frei. Sie sprach wie eine schlechte Kopie einer Prostituierten aus einem alten Film, aus den Zwanzigern vielleicht, billiger hätte sie kaum wirken können. Haste denn Feuer. Sie bejahte, er nahm sein Magazin und stand auf, zog sich im Gehen eine Kippe aus der Schachtel und zündete sie mit dem Streichholz an, das ihm von der Schwarzen in die Hand gedrückt wurde. Sie lächelte, eigentlich war sie genauso billig gekleidet, aber in ihr dachte er einen Hoffnungsschimmer auf Vernunft und ein wenig weiblichen Anstand entdecken zu können. Er lächelte zurück und stieg ein. Im Wagen saßen sie, der Fahrer sagte nichts, der Beifahrer bewegte seine Lippen und er fühlte seine eigenen Lippen sich auch bewegen, es interessierte ihn eigentlich nicht, nur die Zigarette führte er bewusst an seinen Mund. Er sog das Gift tief in seine Lungen, es schmerzte in seiner Luftröhre und biss seine Kehle, als hätte er lang nicht mehr geraucht, aber das war ja nicht ausgeschlossen. In seiner Wohnung waren schließlich auch keine Zigaretten gewesen oder er hatte nicht gesucht, wie auch immer. Warum haste eigentlich so wenig an.. seiner eigenen Antwort gegenüber war er taub,

er mochte die Lights nicht, sie waren so süß...

Irgendwann war er auf einer kleinen geheimen Hinterparty, sogar das Rauchen zog ein bisschen und er trank umsonst, er bekam Schnee und zahlte dafür, aber es kostete ihn nicht viel, das wusste er, obwohl er nicht ganz wahrnahm, wie viel er eigentlich zahlte. Er rauchte später nicht mehr seine eigenen Zigaretten, er trank noch mehr und die kleine schwarze bot ihm einen Johnny an, er sagte nicht nein und sie hatten Sex. Es zog, es zog.

Er sah das Blut in den Himmel tropfen und sein Arm war wieder Schorf, aber frisch, aufgerissen, alter Schorf, neuer Schorf, er wusste nicht, wie die Wunden hießen, die er hatte. Aber das Blut tropfte stetig in den Himmel und das Wasser brannte in seinem Hals. Alles bewegte sich und er wollte sich eine Salbe auf die Wunden schmieren, nur hatte er keine. Er liebte es, die Musik war laut und er fühlte zwei Mal Atem, ein Mal seinen eigenen, ein Mal den der Kleinen. Er lag im Gras, ein bisschen kalt, aber ihr Körper war warm. Die Drogen in seinem Blut waren auch warm, alles war warm und er fand es eine Verschwendung, dass der Himmel jetzt auch etwas seiner Drogen abbekam, der hatte ja nicht dafür bezahlt.

Wider Erwarten mochten sie sich hinterher immer noch. Sie verliebten sich, sein kleines Mädchen zog zu ihm in die Wohnung. Sie lebte sich ein, niemand fragte weiter. Man sah ihnen an, dass sie zusammengehörten. Viele Tage vergingen und er vergaß die Zeit. Sie stand nicht still, vielmehr schien sie schneller zu laufen, als er es sich je erdacht hätte. So gab er es bald auf, sie festhalten zu wollen. Er genoss das Gefühl der Unsterblichkeit, das ihm ihre Anwesenheit verlieh. Die Morgen fingen abends an und als es wieder dämmerte und hell zu werden versprach, kochten sie das Abendessen, das meist aus kleinen, fettigen Eiern bestand. Es war eintönig, doch sie hatten sich gegenseitig. Sie brauchten die Monotonie, sie fürchteten die Ablenkung. Und dennoch hielt er die Kleine nicht lang in seinem Zimmer. Obgleich er genau spürte, dass viel Zeit vergangen war, wollte er es nicht wahrhaben. Wollte die wenigen Erinnerungen, die er besaß, tief in seinem Hinterhirn verscharren und für immer die allerersten Sekunden ihrer Zweisamkeit einfrieren. Sie hingegen wünschte sich die Dreisamkeit. Lange sah er es mit an, lange genug, so schien ihm. Wie sie im Morgengrauen ging, wenn das Licht mit der Sonne kam. Wie sie zurückkehrte, wenn es endlich wieder ging. Jedes Mal hing der schwere Geruch von Frau in ihrem Haar. Nicht ihr eigener Geruch, es war eine fremde Frau. Er wollte es nicht, doch er liebte sie genug, um sie gehen zu lassen, täglich von Neuem. Sie sprachen darüber, sie erklärte es ihm und er strich ihr dabei eine Strähne aus dem Gesicht. Er habe keine Vorurteile, sagte er. Er habe nichts gegen Bisexualität. Er sei tolerant gegenüber allem, was einst als Tabubruch in der Gesellschaft gegolten hatte. Sie gaben sich gegenseitig flüsternde Versprechen. Sie versprach, ihn weiterhin zu lieben, für immer. Dafür musste er ihr das selbe Versprechen geben. Dazu gehörte auch, dass sie zwei Menschen gleichzeitg lieben durfte, sagte sie. Und er nickte nur, dann küssten sie sich und er tolerierte tatsächlich. Er verstand es nicht immer, wie sie ihm eine Frau vorziehen konnte. Doch sie zog nicht vor, sie liebte auf verschiedene Weisen, so besänftigte sie ihn. Und sie liebte seinen Körper so sehr, wie er ihn selbst liebte, sie liebte alle Menschen, zu viele Menschen; zu sehr wollte sie ihre Liebe mit ihm teilen.

Dieser Wunsch nach seiner Teilhabe an ihrem gesamten Leben sollte ihre Verdammnis sein, als sie die schwer duftende Frau mit in die Wohnung brachte. Sie liebte ihr schwarzes, afrikanisches Haar, wie sie seine kurzen Locken liebte. Sie liebte ihre schwarze Haut, wie sie die seine samtene liebte. Sie mochte ihre kleine, weiche Brust, ihre schwarzen Augen, wie sie die Unendliche Geborgenheit an der seinen liebte, wie sie seinen tiefen Blick vergötterte. Sie liebte, liebte sie, liebte ihn, liebte das Bild der beiden, das sie sah, als sie ihre Augen schloss, Schwarz auf Weiß. Sie hoffte auf Freude, sie war klamm vor Spannung. Das Adrenalin durchfuhr ihre Adern und zerrte an ihnen, riss ihr Herz in ihrer Brust umher und ließ ihr keine Ruhe; So sehr wünschte sie sich, dass sie sich alle drei lieben konnten, jeder jeden. Dass sie eine kleine Familie sein würden, sich nicht nur gleich stark, sondern auch gleich-zeitig lieben konnten.

Ihm gefiel ihre Farbe nicht, seine Toleranz war nur eine schwache Kruste auf seiner glatten Oberfläche gewesen, süßlich wie der klebende Nachgeschmack der verhassten Zigaretten. Nun blätterte sie ab, genau wie der Schorf, den er um sich herum verstreut sah. Frau, sagte er, ja, Frau! Aber nicht schwarzhäutig! Was ihr einfiele, ihm war grau vor Augen, er verstand nicht. Ich liebe euch beide, ich hatte gehofft, ihr könntet euch auch lieben! Wie sehr wollte ich, dass ich euch beide zusammen lieben kann, anstatt euch nur nebeneinander zu haben!

Was kann ich schon dafür, sie ist schuld, die Kleine, was hat sie mich auch so angestarrt immer mit ihren großen runden Augen und ihrem Kindergesicht, da verliebt sich ein Mann eben, sowas passiert und dann ist es ihre Sache. Sie muss ja nicht so schauen, sie kann sich selbst die Augen ausstechen, das ist nicht meine Aufgabe und wenn ich ihr doch gesagt habe, dass ich schizophren bin, eine Gefahr, wie verliebt muss sie doch gewesen sein, um diesen Grad der Blindheit ausleben zu können. Warum, fragt sie, warum, immer dieses Warum. Deinetwegen, Kleines, alles deinetwegen. Ich war beschäftigt genug mit meinen eigenen Wunden, was soll ich mich da um deine Gelüste kümmern, wo ich doch an meinem schürfend faulen Fleisch schaben muss! Ich hege Verständnis für deine animalischen Ideen, siehst du, ich verstehe dich, also lieb mich weiter. Wohl wahr, sie wird dich töten, Liebe tötet, das hat sie schon immer. Aber es ist ein schönes Ende, so dramatisch, eine wahrhaftige Köstlichkeit. Schau, du wirst sterben, wie deine schwarze Freundin starb. Es ist nicht meine Schuld, du hast sie ja mitgebracht. Viel zu lange Zeit duldete ich demütigen Herzens deinen Dualismus – es war genug, auch Homosexualität hat ihre Grenzen; Du sollst mein bleiben und wenn dir deine dunkelhäutige Freundin so wichtig ist, so sollst du beide haben, in mir vereint.

Seine Finger krallen das saftige Stück Fleich so fest, dass er fühlt, wie es unter seiner Haut zerborstet. Wie sich kleine Bröckchen davon unter seine Fingernägel fressen; wie das heiße Fett auf seiner eigenen Haut herabrinnt; wie sich die Gabel, von der er sein Essen zieht, in seine Muskeln gräbt, ganz tief, obschon sie bereits seit unsäglich langer Zeit stumpf ist. Seine Gier wird seinem Mundwinkel zum Verhängnis, gleich darauf seinem Kinn, der warme Saft vermischt sich mit seinem Speichel, mit seinem Blut, und rinnt hinab, und dann noch viel weiter hinab, über seinen Hals, nistet sich in seiner Brustbehaarung ein. Er schwitzt und doch treibt ihn sein Appetit an, noch schneller zu essen, seine Erregung steigert sich unaufhörlich. Die Gabel fällt auf den Tisch, verfärbt das dunkle Holz fettfarben. Sein nächster Bissen kommt nicht mit dem Metall des Besteckes in Berührung, bevor es auf seiner weichen Menschenzunge landet, er leckt sich genüsslich die Finger, noch kauend. Beißt auf ein Stück Knorpel, das muss ihr Ellbogen gewesen sein, ihm wird die Bedeutung des Sprechens eines sich im Halse umdrehenden Magens schlagartig bewusst und der beißende Geruch des Erbrochenen lässt ihn in sich zusammenfahren, aufspringen, sich von dem Tisch entfernen, der so mittig im Zimmer steht. Er hat es an den Fingern, er wischt es sich an der Hose ab, bereut es, es ist seine letzte. Er schwankt, würgend, und doch lechzt es ihn danach, weiter zu essen. Ein Schluck Wasser, ein Schluck Wasser und er setzt sich wieder an den Tisch. Erinnert sich an ihre weiche, braune Haut, an ihr Haar, das so verführerisch nach Frau gerochen hat, bevor sie sterben musste. Und vergleicht es mit der schwarzen Kruste, die jetzt ihren angeschnittenen Körper überzieht, vom Haar ist nicht viel über, allein der penetrante Geruch haftet überall im Raum, an der Decke, an den Wänden, umspielt seine Kleidung, sein Gewissen. Es appelliert, an ihn, an seine Vernunft, an seine Menschlichkeit, seine Reue, doch der Appetit meldet sich zurück und der Knorpel ist wieder vergessen; er wieder in seiner bewusstseinsraubenden Trance, die ihn die Welt vor seinem kleinen Küchenfenster vergessen lässt; seine gelben Zähne in ihrem Oberarm, den er gut mit viel Salz und einer Currybarbecuegewürzmischung aus dem 21ten angefertigt hat. Er hat sogar Salat aufgetrieben, aber der liegt im Waschbecken, mit einer kleinen Schnecke darauf, er denkt nicht mehr an das frische Grün, das hier so selten ist, nahezu unbezahlbar, er denkt auch nicht mehr an die Astern, die seit Monaten auf den blutbefleckten Hügeln wachsen, überall, als wollten sie der Welt ins Gesicht schreien und ihr mit ihren zynischen Gesichtern schmerzhaft zu Gemüte bringen, dass sie es gewusst hatten; wie lächerlich es doch war, so erbärmlich, geradezu Mitleid erregend, wie sie sich selbst zerstört hatte. Als wollten sie das Geschehen mitverfolgen, nur um hinterher sagen zu können: Wir wussten es, immer schon, und wir wussten auch, dass wir zum richtigen Zeitpunkt kommen würden, dein Ende mitzuverfolgen

wenn der Himmel blutet und die Menschen verbrennen unter unseren Blicken, denn wir hatten Recht.

So war es, wir hatten immer schon Recht.

Er erinnert sich. An einen Freund von damals, schon lange her, einer der letzten, bevor jeder Einzelne der Menschen einsam wurde, sich zurückzog, in seiner eigenen Einsamkeit zu sterben; denn der Geiz dieser Spezies ließ ihn auch sein Leid nicht mehr teilen. Jener werte Freund hatte immer Knorpel mitgegessen, es hatte ihn jedes Mal zur Weißglut gebracht, er mochte ihm an die Gurgel springen, ihn beleidigen, und doch war er jedes Mal ruhig geblieben, hatte sich nichts anmerken lassen, hatte immer nur verzweifelt mit seinem Würgreiz geringt, während sein Mitesser genügsam auf dem weißlich-transparenten Abschaum herumbiss, manchmal knackte es, manchmal flutschte es zwischen seinen Zähnen hindurch, denn es ist weich, es ist glitschig, es ist eine Mischung aus Haut und Knochen, ein Mittelglibsch, das nicht zum Essen prädestiniert ist. Er hält es nicht aus, es ist doch so schade um die Mahlzeit, das erste Mal erwärmt schmeckt sie doch am besten und er hat sich lange auf das Festmahl gefreut, es könnte schließlich seine letzte Frau sein, man weiß nie, was die nächste Minute bringt. Doch es lohnt auch nicht, sie halbherzig zu verschlingen, wenn womöglich auch noch die Hälfte in einer Kotztüte landen wird. Also packt er die Hand und den angebissenen Arm sorgfältig in Klarsichtfolie, ebenso die Unterschenkel, den weichen Bauch, ihr zartes Gesicht; nur die Lippen schneidet er sorgsam ab, die müssen warm gegessen werden, anders macht das gar keinen Sinn.

Und ihm ist wohl, als er fertig ist, so wohlig warm, er ist satt und glücklich, fährt sich mit seinen Fingern über die Bauchdecke, sie zittern nicht mehr. Die Wand, an der er nun lehnt, ist kühl, ein schöner, frischer Gegensatz zum heißen Fleisch in ihm, das nun an seiner Magenwand klopft, tritt, fast kratzt. Ob sie wohl imstande ist, ihn zu verletzen? Man will diese grässlichen Blutungen doch nicht auch noch an der Innenseite mit sich herumtragen! Pschhht, sagt er, pschhht, ist doch gut. Er flüstert, als könne er sie somit beruhigen, in Schlaf lullen, um sie in aller ruhigen Gelassenheit verdauen zu können. Es gibt keinen Ausweg, mein Liebes. Pshhht, pschhht. Er wiegt seinen Körper hin und her, um auch den kleinen Widerständler in ihm zu wiegen, eine Schaukel, Schaukeln mochte er auch immer. Die Lippen in ihm antworten,

was hast du getan, du Bastard, du elender! Lass sie frei, wenn du schon mich nicht in meiner weiblichen Freiheit belassen konntest! Deine Welt ist Einbildung, es gibt keinen Weltuntergang, es gibt keine blutenden Himmel und auch du blutest nicht, es ist alles Einbildung, alles Einbildung!!

Ich weiß doch, ich weiß. Pschhht, pschhht.

Lass sie frei! Lass sie frei! Einbildung... oh...

Ich weiß, ja, ich weiß, pschhhht...

Es war sinnlos, mit ihr zu streiten, das wusste er. Er führte seine Hand in kreisenden Bewegungen um seinen Magen, um die Verdauung anzuregen, die Lippen würden sich schon in seiner ätzenden Magensäure auflösen und in Ewigkeit verstummen. Er schloss die Augen, dann sah er sich um im Raum, als wolle er ablenken.

Schau, das Zimmer, das du als letztes sahst, wollte er sagen. Eine schöne Wohnung hatte er, das wurde ihm erst jetzt klar. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch, auf ihm lag ein altes Playboymagazin und eine angefangene Schachtel Mild Seven, die Lights, die mochte er doch gar nicht. Woher er das Zeug wohl hatte? Es war schon wieder Nacht, er schien aus den Nächten gar nicht mehr herauszukommen, aber wahrscheinlich existierten keine Tage mehr, dessen war er sich sicher, wie sollte sich eine Apokalypse auch in Sonnenschein vollziehen. Es war erschreckend sauber in seiner Wohnung, wer wohl alles so sauber hielt? Vielleicht war es ja gar nicht sein eigenes Zimmer. Die Hemden waren gebügelt, doch er trug keine Hemden. Dunkles Holzparkett, schwarze Stühle, und es wirkte immer noch nicht düster, nur die nächtlich rote Dunkelheit durchflutete den luftigen Raum. Die Tür war verschlossen und hinter ihr stand eine Bodenvase. Baseball hatte er doch auch nie gespielt, vielleicht hatte er ja einen Sohn? Ich bin Vater, dachte er und blickte zu seier rundgesichtigen Freundin, ob sie wohl schon so lange ein Paar waren? Er kannte keine Zeit mehr. Es wirkte alles so normal, sie hatten ein Fenster, dahinter rote Himmel, die vor sich hin tropften, neben dem Fenster hing ein Plakat, vielleicht ein Kalender. Sie hatten einen Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine Eieruhr. Fernglas, ein Brief, er fühlte sich fremd und verloren in seiner eigenen Wohnung, wo er sich doch nicht mal sicher war, ob es denn seine eigene war. Neben dem Fernglas stand eine Schachtel Zwieback und sein kreisendes Streicheln entwickelte sich zu einem irren Kratzen, bis sich eine rötliche Schürfwunde unter seinem Brusthaar hervortat.

Schau, jetzt habe ich dich gekratzt, bevor du mich kratzen konntest. Also pschhht jetzt, beruhig dich, ich blute schon genug! Ich muss zur Apotheke, ob die wohl um elf noch offen hat?

Er griff nach dem Geldbeutel, der auf dem dunklen Tisch stand und öffnete die Tür zum Treppenhaus, seinen rebellierenden Mageninhalt nahm er tänzelnd mit.

Das Licht blendete ihn, es brannte in seinem Kopf und plötzlich wusste er nicht, was er wollte. Ihre Köpfe taten sich vor ihm auf, überall hingen sie kreischend von der Decke, das Treppenhaus war voll von ihnen, er stand in Blut, er hasste ihre braunen Wangen, ihr afrikanisches Haar, es machte ihn verrückt. Sie selbst war wie ein Haar, eine borstige, rauhe Krankheit, die die Pein in seinen Schädel trieb, die den ziehenden Schmerz mit einem Schrotgewehr in seine Stirne schoss, direkt hinter seine Augen. Er wusste nicht, was tun, er wollte zurück, er wollte nach draußen und er flehte in sich hinein, dass ihm etwas eine Entscheidung gab; verdammt sie, verdammt sie, die Anergie! Ach rubbte doch jemand dies Schafpockenhaar aus meinem Hinterauge! Abulie! Oh! Er schaffte es nicht, er fiel, sein Rücken füllte sich mit ihren Köpfen, auf denen er die Treppe hinabrutschte. Er würde unten auf Kacheln stoßen, Sodbrennen, keine Ausflüchte mehr suchbar, gefechtsexerzierende Krampfurteile.

Seine krausen Haare summten unter seiner brunstigen Durchlässigkeit surrender Megalomanie hervor, hinter warmherziger Bescheidenheitshülle. Krude Winde von Antiihms tanzten zynisch um seine feuchte Mundwinkelzuckung. Ob sein Dolchsstoß noch so genügsame Anfechtbarkeit weismachte wie zu noch dämlicheren Vorfliegenkopfentwässerungszeiten?

Der schlichte Giftmord war auch Kraftnahrung, das wusste jedes Kind, das nicht selbst zum Angelhakenschlucken gestattet war. Und so aufbarschte er im Treppenhaus wie Wundbrand, kupfergrüne Wulstnarbe auf rostenem Fremdimigranten. Erethismus, schwere Kindheit zu Raison.

Ich wache aus meinem Treppenhaustraum als das wieder auf, was ich schon immer war, dort, wo ich bin. Ich bin ein Grashalm. Rasenmäher köpfen mich regelmäßig, doch ich wachse nach. Buschige Raupen bekriechen mich, bis sie zu prachtvollen Schmetterlingen metamorphosieren. Sie wollen uns, wir sind viele, wir übertreffen uns gegenseitig mit unserer strahlenden Grünheit. Sie bestaunen uns, über mir wächst ein Rosenstrauch, asphaltener Gehweg ist nicht weit von uns, Hundeurin tränkt, was vom Rasensprenkler nicht genug bekam. Die Himmel sind so außergewöhnlich blau, die Wolken so weiß, dass man meinen könnte, die Welt kenne wegen ihrer perfekt strahlenden Buntheit keine Farben. Ein schwarzweißes Pleasentville, wir sind keine Individuen, darum dürfen die Gummisohlen des Sohnes auf uns treten, wenn sie vom Fußballspiel heimkehren. Es sind saubere Sportschuhe. Sie sind perfekt.

Die Helle, der Glanz des herkömmlichen Palisadenzaunes, der klarinettene Großmut, das Kupferlächeln, unzerstörbares Lustspiel des wachsmalkreidenen Theaters, in dessen Garten ich hausiere, Augenausbrenneisen, Selbstentzündung, sie setzten uns eine Krone auf.

Sehen nicht, dass ihre Rosen trocknen, dass Wurzelgeflechte der Astern unter uns wüten, die das Innere der Welt zerfetzen, wie mich einst meine eigene Liebe zerris. Die Himmel brennen und die verkohlte Erde wird uns bald durch Endblumen ersetzen. Und so wird das Feuer aus dem Himmel tropfen und letzten Endes unser aller Verdammnis sein. Kein Grün besteht gegen schraubenschlüsselnes Rot, kein Trümmermodell zerlegbar, nicht mit festgeheilten Schafpocken, nicht mit mürbelndem Wölbstein, nicht mit abgedroschenen Negativgießern – hinke, was wolle.
22.6.06 11:14


wortsammelliste.

+ don't mix

+ moralkonform

+ staubmilbenallergiebedingte asthmaanfaelle

+ individualisierung der allgemeinheit

+ collegeblock liniert mit doppelrand

+ enterre-moi..

+ girl don't lose your lips

+ gebraeuchlich

+ miðvitundarlaus

+ geographie ist eine wolke. die blaue wolke der unwissenheit.

+ der faden ist nicht sein kopf.

+ wer eimer luckt ist ein lacklamm

+ ljúffengur

+ vermoege deren

+ il y a d'autres raisons!

+ xero-

+ agitieren

+ gardine

+ ergoetzen

+ reminiszenzen an die kindheit

+ funktionsgenerator

+ teilchen

+ sich restaurieren

+ auf's geratewohl

+ jaktation

+ entropie

+ sich durchlavieren

+ deichseln

+ tesaurieren

+ auðn

+ kulminieren

[alt]

+ flachsfarben

+ cucire

+ clouter

+ clouer

+ palliativ

+ schnuppe

+ keen

+ glutflüssig

+ blutflüssig

+ spärlich

+ schnurz

+ krude

+ abandoner

+ asservissement

+ fuyant, fuyard

+ funambule, funambulesque

+ funèbre

+ faiblesse

+ fada

+ l'escardelle laudanisée

+ perkalin

+ automatie

+ gepunzt

+ prolongieren

+ lappalie

+ exhumieren

+ doomwriter

+ indilazionabile

+ kafkaesk

+ klinke

+ redingote

+ xerofito

+ exist

+ repeatedly

+ rockabillypunk

+ 30049

+ proud?

+ cela m'a assis.

+ der zärtlich verlassene

+ assermenter, l'assertion

+ l'obstination

+ negative reinforcement

+ zu viel gratzen kocht

+ une expose au soleil

+ frenetisch

+ mürb

+ überfluss des kachelofens

+ muffig

+ fairy tale

+ schippern

+ havarie

+ das gras stoppelt

+ "zwergiezufuhr"

+ wortgefangen

+ tirilieren

+ tobsucht

+ méli-mélo

+ décès

+ trépas

+ mortellement triste

+ pendaison

+ délétère

+ groggy

+ flattieren

+ arrosoir

+ coquelicot

+ enthusiast!

+ aggressionslüstern

+ wutgeheul

+ 550175

+ électrocution

+ ekliptik

+ beschränke dich!

+ eiterpfropf

+ hérisson

+ entthront

+ einverleiben

+ belangvoll

+ erlaucht

+ hypochondrisch

+ unglimpf

+ tetanie

+ vale!

+ prassel

+ brünstig

+ taupe

+ tangibile

+ fanfaronnade

+ geflunker

+ gefeit

+ schlagschatten

+ gleißend

+ vielherzig

+ transkutan

+ chabanais

+ klamauk

+ kalkmaul
22.6.06 11:13


Ist es traurig?

Haette Ich Mitleid mit Mir?

Vielleicht Ungeduld.

Unverstaendnis.

Verachtung, Gleichgueltigkeit, Zynik

Oder Unbehagen im Sinne

einer entnervten Ichhasserei

Beziehungsweise

Ich-beziehungs-verabscheuung,

Und eine, die sich

der Beziehungs-weise, oder

Weise, wie sie Ich Beziehungen

fuehrt fuehre

widmet verschreiben ach

entgegen sieht.
22.6.06 11:13


- du wirst mich niemals lieben, egal, was ich tue oder wozu ich werde, habe ich recht?

- nein, nicht ganz: ich werde nie aufhoeren, dich zu lieben!

---

- du wirst mich nie lieben, egal, was geschieht, hab ich recht?

- ich werde nie damit aufhoeren!

---

- ich liebe dich.

- ich weiß.

---

- ... hab ich recht?

- ja.

- ich liebe dich aber.

- danke..

---

- warum liebst du mich nicht?

- ich liebe dich doch..

- ich weiß..
22.6.06 11:12


und sie hat ein loch
sie hat ein loch im kopf
jemand hat es ihr
hineingerissen
22.6.06 11:12


sanfte umarmungen unter
dem lachenden himmel
immer lacht er
immerzu lacht er
22.6.06 11:12


sie tanzen in unseren schaedeln

schwingen ihre kleinen koepfe

bis ihre masken zu boden fallen

ich blicke in ihre verzerrten gesichter

und warte

auf das licht

ich warte
22.6.06 11:12


- gewinnen wir, wenn wir kaempfen?

- wir verlieren, wenn wir nicht kaempfen...

Das muss nicht sein.. Man kann auch gewinnen, wenn oder sogar gerade weil man nicht kaempft. Es kann sein, dass man so oder so verlieren muss, nicht gewinnen KANN, warum dann also die Muehe? Warum die Muehe, wenn man sowieso gewinnen kann? Aber wenn man den Kampf erst einmal begonnen hat, sollte man ihn vielleicht zu Ende fuehren, weil jede Aufgabe den Verzicht auf Sieg bedeuten wuerde. Vielleicht dauert solch ein Kampf ein ganzes Leben lang an, weil man sich des Unsieges erst sicher sein kann, wenn man nicht mehr lebt. Kann man im Tod kaempfen? Was dann? Irgendwann muss es doch ein Ende nehmen, ob man nun gewinnt, oder nicht...? Jedenfalls kaempfen wir UM ZU siegen.. Etwas, das womoeglich nur durch Kaempfen zu erreichen ist.. Wir kaempfen der Moeglichkeit des Sieges wegen.. Kaempfen um der Hoffnung willen.. Hoffnung, Gift. Kaempfen um die Niederlage..
22.6.06 11:09


090206 Wenn wir sterben, sind wir tot.

Manche sind es davor schon, oder glauben, sie seien es, vielleicht sind wir es ja alle, innerlich, oder auch aeusserlich, wir verrotten ein Leben lang, und unser Denken ist die Todeszuckung, jede neue Idee, jeder Zweifel, jedes Wort, das sich in unseren Hirnen zusammenfuegt aus einzelnen Buchstaben, die zunaechst wirr und bestimmungslos durch die Leere in uns fleuchten, theatralisch, alle Wuensche, die sich uns auftun, insbesondere Wunschtraeume, sind die Jaktationen unseres kuemmerlichen Liebesspiels, und wir lieben das Leben in der Tat, mit allem, was unsere verstopften Herzen zu bieten haben, mehr als alles andere, und wahrscheinlich ist diese Unterbrechung des Totseins die einzige Moeglichkeit dafuer, dieses Gefuehl zu empfinden, da wir vor ihm ebensowenig leben, wie danach.
22.6.06 11:08


190206 Sand sei Sand. Dass Sand Sand sei oder Sand Sand sein sollte steht noch nicht fest, wird nie, vielleicht muss er oder er darf. Sand wie Kruemel und trockener Ton, wie Mehl auf den Haenden oder mehlige Haende, mehr Pulver, Puder, Poekelsalz und Schafspocken, Haare, Finger, Surreale Sardinenbuechsenneurosen. Sand unter den Fingernaegeln oder doch feuchte Teigreste, vom Formen, Kneten, und nun Kwoerter, nicht nur Kuchen Kruemel Kekse und Kaubares Trockengebaeck auch Kronen, selbst die Nachtigallen, Zikaden, goblen und stark, Macht, Schwere, Koenig und In, kroenen, Kronen, Sand-
22.6.06 11:08


busty

Es weitet sich ein kleines warmes Fleckchen aus, ein warmes Loch vielleicht, schraubt sich hinein, hindurch, gelb, irgendwie, warmgelb, sanft, mild aber nicht milchig und es ist aus Wolle, du wirst ein Wollnest haben.

Meine Worte sind den deinigen nicht wuerdig und ich werde das Schreiben alsbald weniger werden lassen. mich stattdessen an deinen ergoetzen
22.6.06 11:08


ich liebe dich. x 500 000 und ewig.
22.6.06 11:04


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