glueh.
Rasenmäherphobia

Er war nicht xenophob, nur

ein vulkanisierter Volksbohrer

ohne weibliche Scham und

Wundheilkraut.




Er fand sich auf seinem hochblauen Bett liegen, am Zwieback knuspernd. Wie er es hasste, diese Krümel, überall waren Krümel, so hart und klein und kratzig, panierte Schraubschlüssel in seinen Poren, Pökelsalz. Zwischen seinem Unterhemd waren sie und wenn er darüber strich, bissen sie sich allerhöchsterweise noch fester in den Stoff, spitze Pitbullkieferstarren in seiner Haut, die doch sicher schon ganz Schorf war, und es blätterte ab, das getrocknete Blut, bildete selbst noch größere Krümel dabei. Er blickte an seinem Hemd herab und es packte ihn ein wundes Erstaunen darüber, dass daran kein echtes Blut war, doch immerhin, es war schon nicht mehr weiß, eher gelblich-braun, beige, wüstenkamel. Und ein Sabberfleck war da, der ihm so fettig äugte. Blödsinn, dachte er, ich spucke doch kein Fett. Aber als er den Gedanken näher betrachtete, kamen ihm Zweifel und er fragte sich, ob sein Speichel denn tatsächlich kein Fett war. Dieser plötzliche Gedanke überwältigte ihn, ihm wurde schwarz vor Augen, noch schwärzer, eventuell war der Raum schon dunkel, und er spuckte einpaar Male auf seine Handflächen und rieb und rubbelte, bis er die stolze Gewissheit hatte, dass es kein Fett war und der Fettfleck lediglich wie ein solcher wirkte, aber keineswegs als ein jener existierte. Er zog es über seinen Kopf und machte sich an den Versuch, die Krümel von seinem Brusthaar zu kämmen mit seinen zittrigen Fingern, aber immerhin waren es schöne Finger. Die Krümel wurden weniger auf seinem Bauch, doch sie zerbröselten unaufhaltsam, immer mehr, flink und unbesiegbar, landeten in seinem Hosenspalt, große Klasse. Er sah sich sexy in der Hose und ihm scheute davor, sie auszuziehen, tat es dennoch, die Unterhose mit, fühlte sich nackt, zu nackt, die Panik stieg lauthals in ihm auf, er fühlte sie, und sich, gleich würde er in ihr ausbrechen. Er hätte es wirklich getan, doch zum Aber schaffte er es noch rechtzeitig ins Badezimmer. Obwohl er in seiner Wohnung immer allein verweilte, fühlte er sich allein im Badezimmer ganz wohl in nacktem Zustand, überall sonst plagten ihn die üblichen Paranoia, unheimliche Geschichten von versteckten Kameras; Verbrecher, Internet, Nacktbilder, Verkauf, Kinderschänder, sie suchen sich ihr Opfer anhand der Fotos. So ein Mist, er war doch kein Kind mehr. Er duschte sich, still zittrig, schäumte sein kurzes Haar ein, den Rest seines Körpers, die Wasserleitungen röchelten ihn an, als er das Duschwasser lauter stellen wollte. Manchmal hatte ihn das früher geängstigt, aber jetzt nicht mehr, ihm lag der Klang sogar ein bisschen schön im Ohr, nur das Wasser wärmte sich nicht mehr. Er duschte ziemlich kalt, ziemlich lange, bis die Krümel sich verdünnisiert zu haben schienen, wie seine Finger, die unter ihrer eigenen Haut zerschrumpelt waren. Seine Augen schmerzten und sein Zahn, er hatte kein Handtuch im Badezimmer, wie lange er es wohl wieder nicht benutzt hatte? Die Zähennägel waren kurz, die Fingernägel auch, sogar seine Zähne waren, wenn auch kaputt, sauber, darauf hatte er also geachtet. Nass und nackt begab er sich wieder in das dunkle Wohnzimmer und tropfte dabei auf den Teppich. Unwohl war ihm immer noch, doch die kalte Nässe hatte ihn selbst auch gestürzt abkühlen lassen und er nahm die Welt wieder relativ klar wahr, in Glastönen, wie sie zu sein hatte. Fast ungewohnt, so lange hatte er sie wieder nicht gesehen, wusste bereits nicht mehr, wie lange es her war, dass er sich zuletzt etwas zustande gelebt hatte, woran er sich erinnern konnte. Eine Zeitung, ein Zeitungskiosk, wo der war? U-bahnstation, er wusste noch. Ihm gelang es, sich langsam zu erinnern, die verschleierten Bilder, so milchig, wie Mutter, aber sie egalten ihn, er fühlte sich so sexy und redete sich ein, dass die versteckten Kameras nur Gutes für ihn bedeuten konnten, hinsichtlich seines wohlgeformten Körpers, er würde entdeckt, Pornostar. Reich, große Wohnung, großes Bett und guter Therapeut. Eigentlich verlangte es ihm gar nicht nach einem Therapeuten, dachte er, griff sich einen Waschlappen aus einer der Schubladen in seinem rostenen Schrank und tupfte sich damit ab. Es dauerte schon seine Zeit, bis er sich damit getrocknet hatte. Ihm war aber nicht danach, sich ein richtiges Handtuch zu suchen. Ihm lächelte die Ironie dieser Szene zu, das plötzliche Bild vor seinen Augen, wie er sich mit Klopapier abtrocknete. Wie viele Rollen man wohl konsumierte, wenn man seinen gesamten Körper fusselfrei entnässen wollte? Zweilagig, vier? Aus einem anderen Fach des Schrankes nahm er sich eine neue Hose, eine gebügelte. Zwei Hemden schrien danach, von ihm entdeckt zu werden. Er tat ihnen den Gefallen und berührte sie, zog sie aber nicht an; Hemden waren noch nie so sein Ding gewesen, dieses Bügeln, er verstand sich nicht darin, verstand nicht, wie man sich diese Zeitverschwendung geben konnte. Diese Falten, die nie ganz eliminierbar wurden, bei ihm jedenfalls nicht. Er zog die Hose über seinen Unterleib mit der Feststellung, dass sie perfekt passte, noch perfekter als jene, in der er sich vorher vorgefunden hatte.

Mit einem Schulterzucken warf er den Waschlappen vor die Tür zum Waschraum und lief in die Küche. Es war Nacht, eine der schönen, dunklen, heute eine sternlose. Einpaar Sterne blitzen allerdingens hinter dem rötlichgrauen Wolkenhimmel. Grau ob der undefinierbaren Hassgefühle in seiner Brust, rot ob der Apokalypse, die bevorstand, dies Wissen lag tief in ihm, aber wahrscheinlich waren es auch nur die Stadtlichter, die sich mandarinenbraun im tief hängenden Nebel brachen. Kaum Geräusche draußen, das wunderte ihn, aber eigentlich war das überhaupt kein Wunder, bis er das Fenster öffnete, da war es schon ein wenig seltsam, aber das machte nichts, er ließ es der Uhrzeit Werk sein. Welchen Monat die Welt wohl hatte? Welchen Tag? Die Luft war kühl, nicht kalt, sommerfrisch, sommernächtlich, herbsten vielleicht noch, er war in der Stadt, das beruhigte ihn. Immerhin das hatte er noch. Vom Tisch nahm er eine Armbanduhr, eine ziemlich schöne, wahrscheinlich war die nicht unbedingt billig gewesen, aber sicherlich auch nicht teuer, wo sollte er das Geld schon hergenommen haben. Sie passte gut zu ihm, unglaublich. Immer noch barfuß lief er zum kaputten Kühlschrank, der sich gröhlend beschwerte, als er seine Tür öffnete. Sogar Bier im Regal, nichts, worum er sich zu kümmern brauchte. Er öffnete die Dose und gab seiner Kehle einen großen Schluck. Sein Bauch juckte immer noch, die Krümel hatten sich in sein Gehirn gefräst, krümelten dort munter weiter, diese kleinen Widerlinge, und er schmierte sich Feuchtigkeitscreme auf die Haut, in der Hoffnung, dem Juckreiz der imaginären Zwiebackbrocken so entgegenwirken zu können. Elephantbeerschrift glubschte ihm von der Dose, das gab’s also auch noch. Seine Augen gaben nach und gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, so entdeckte er endlich, was fehlte. Ein Gürtel wurde in die Schlaufen seiner Hose gezogen, so unheimlich sexy!, und er verließ seine Wohnung, ohne abzuschließen. Ihm war unwohl, es plagte ihn die Frage: wohin mit seinen Händen? In die Hosentaschen. Genuss der kalten Luft; als er schwungvollen Ganges einen Schulbasketballplatz passierte, fiel ihm der Zahnstocher auf, an dem er kaute. Noch ganz bei Verstand war er nicht, ihm trübte schwer, wann er den wohl genommen hatte. Oder hielt er ihn schon die ganze Zeit an seiner Zunge? Und der Zwieback? Wie lange er schon lief wusste er nicht, wohin, wohin? Es war gefährlich, dachte er, so dunkel, kleine Gassen mit den wenigen Menschen. Kaum Autos, obgleich er sich doch auf der Hauptstraße befand. Vielleicht war die Stadt doch nicht so groß, oder es gab fernere Gründe, aus denen sich keine Menschen in ihr fanden. Wenigstens war er noch jung, Heilung nicht ausgeschlossen, vielleicht würde es diesmal ja was. Er kam tatsächlich an: ein Kiosk, rundumdieuhr, U-bahn, unterirdisch. Bläuliches Licht, fast steril, aber das war es natürlich keineswegs, nur das Licht, wie gesagt, die Wände feucht und ein hustender Straßenfeger kehrte die leere Stationsstraße. Was die Uhrzeit wohl dazu sagte? Warum jetzt fegen, warum solch undenkliche Tageszeiten, warum nachts? Eine Packung Mild Seven und irgendeine Zeitung, der Blick einer Frau traf ihn kritisch, fett und lustlos, im Hintergrund der Geruch eines laufenden Fernsehers, eine alte Sendung, nur der Name war ihm entgangen. Blinde Griffe im Regal, ein Playboymagazin mit Knall vor ihm. Nein, Zeitung, sagte er. Graue Zeitung lag dazu. Wir haben nur noch die Lights, er zuckte die Schultern, obschon er keine Lights rauchte. Zahlte alles mit irgendeinem Geldschein aus seiner Hosentasche, den er wahrscheinlich vorher noch schnell eingepackt hatte und nahm--

Nun hatte er mit seinen Händen endlich etwas zu greifen, er sah in die Zeitung und schmiss sie zwei Straßen später ins Gebüsch. Er hatte kein Feuerzeug dabei und beschloss, einfach zu warten, bis jemand vorbeikäme. Sein Zahnstocher wurde langsam latschig, wahrscheinlich war er es auch schon lang, ganz durchnässt von seinem unfettigen Speichel, aber erst jetzt stellte er es bewusst fest. Neben seiner Zeitung auf dem Bürgersteig hockend, die Füße auf der Straße halb gegrätscht, halb gestreckt, öffnete er die Mild Seven Packung, schmiss die Plastikfolie hinter sich und schob die Schachtel wieder in seine hintere Hosentasche. Dann schlug er das Magazin auf, aber es interessierte ihn kaum. Es waren nur anspruchslose nackte Blondinenfotos, irgendwie nicht sein Ding. Lang saß er so da und blätterte das Magazin durch, das ihn beinahe zu Tode langweilte, bis irgendwann etwas an ihm vorbeifuhr und zehn Meter weiter stehen blieb. Neonröhren. Ein Mädchen stieg hinten aus, dann ein zweites, vor allem das erste wirkte sehr jung, wahrscheinlich noch minderjährig, ein rundliches Gesicht, schwarze Haare, sie gefiel ihm, irgendwie süß. Die zweite war nichtssagender, vielleicht ein, zwei jahre älter, vielleicht auch gleichaltrig, aber blond, größer und schlanker, fast schon dürr, nicht schlank, wie aus der Zeitschrift. Sie gingen zu ihm heran und die Blonde sprach. Was willste denn hier, Süßer? Er nickte nur. Kommst mit, wir haben noch nen Platz frei. Sie sprach wie eine schlechte Kopie einer Prostituierten aus einem alten Film, aus den Zwanzigern vielleicht, billiger hätte sie kaum wirken können. Haste denn Feuer. Sie bejahte, er nahm sein Magazin und stand auf, zog sich im Gehen eine Kippe aus der Schachtel und zündete sie mit dem Streichholz an, das ihm von der Schwarzen in die Hand gedrückt wurde. Sie lächelte, eigentlich war sie genauso billig gekleidet, aber in ihr dachte er einen Hoffnungsschimmer auf Vernunft und ein wenig weiblichen Anstand entdecken zu können. Er lächelte zurück und stieg ein. Im Wagen saßen sie, der Fahrer sagte nichts, der Beifahrer bewegte seine Lippen und er fühlte seine eigenen Lippen sich auch bewegen, es interessierte ihn eigentlich nicht, nur die Zigarette führte er bewusst an seinen Mund. Er sog das Gift tief in seine Lungen, es schmerzte in seiner Luftröhre und biss seine Kehle, als hätte er lang nicht mehr geraucht, aber das war ja nicht ausgeschlossen. In seiner Wohnung waren schließlich auch keine Zigaretten gewesen oder er hatte nicht gesucht, wie auch immer. Warum haste eigentlich so wenig an.. seiner eigenen Antwort gegenüber war er taub,

er mochte die Lights nicht, sie waren so süß...

Irgendwann war er auf einer kleinen geheimen Hinterparty, sogar das Rauchen zog ein bisschen und er trank umsonst, er bekam Schnee und zahlte dafür, aber es kostete ihn nicht viel, das wusste er, obwohl er nicht ganz wahrnahm, wie viel er eigentlich zahlte. Er rauchte später nicht mehr seine eigenen Zigaretten, er trank noch mehr und die kleine schwarze bot ihm einen Johnny an, er sagte nicht nein und sie hatten Sex. Es zog, es zog.

Er sah das Blut in den Himmel tropfen und sein Arm war wieder Schorf, aber frisch, aufgerissen, alter Schorf, neuer Schorf, er wusste nicht, wie die Wunden hießen, die er hatte. Aber das Blut tropfte stetig in den Himmel und das Wasser brannte in seinem Hals. Alles bewegte sich und er wollte sich eine Salbe auf die Wunden schmieren, nur hatte er keine. Er liebte es, die Musik war laut und er fühlte zwei Mal Atem, ein Mal seinen eigenen, ein Mal den der Kleinen. Er lag im Gras, ein bisschen kalt, aber ihr Körper war warm. Die Drogen in seinem Blut waren auch warm, alles war warm und er fand es eine Verschwendung, dass der Himmel jetzt auch etwas seiner Drogen abbekam, der hatte ja nicht dafür bezahlt.

Wider Erwarten mochten sie sich hinterher immer noch. Sie verliebten sich, sein kleines Mädchen zog zu ihm in die Wohnung. Sie lebte sich ein, niemand fragte weiter. Man sah ihnen an, dass sie zusammengehörten. Viele Tage vergingen und er vergaß die Zeit. Sie stand nicht still, vielmehr schien sie schneller zu laufen, als er es sich je erdacht hätte. So gab er es bald auf, sie festhalten zu wollen. Er genoss das Gefühl der Unsterblichkeit, das ihm ihre Anwesenheit verlieh. Die Morgen fingen abends an und als es wieder dämmerte und hell zu werden versprach, kochten sie das Abendessen, das meist aus kleinen, fettigen Eiern bestand. Es war eintönig, doch sie hatten sich gegenseitig. Sie brauchten die Monotonie, sie fürchteten die Ablenkung. Und dennoch hielt er die Kleine nicht lang in seinem Zimmer. Obgleich er genau spürte, dass viel Zeit vergangen war, wollte er es nicht wahrhaben. Wollte die wenigen Erinnerungen, die er besaß, tief in seinem Hinterhirn verscharren und für immer die allerersten Sekunden ihrer Zweisamkeit einfrieren. Sie hingegen wünschte sich die Dreisamkeit. Lange sah er es mit an, lange genug, so schien ihm. Wie sie im Morgengrauen ging, wenn das Licht mit der Sonne kam. Wie sie zurückkehrte, wenn es endlich wieder ging. Jedes Mal hing der schwere Geruch von Frau in ihrem Haar. Nicht ihr eigener Geruch, es war eine fremde Frau. Er wollte es nicht, doch er liebte sie genug, um sie gehen zu lassen, täglich von Neuem. Sie sprachen darüber, sie erklärte es ihm und er strich ihr dabei eine Strähne aus dem Gesicht. Er habe keine Vorurteile, sagte er. Er habe nichts gegen Bisexualität. Er sei tolerant gegenüber allem, was einst als Tabubruch in der Gesellschaft gegolten hatte. Sie gaben sich gegenseitig flüsternde Versprechen. Sie versprach, ihn weiterhin zu lieben, für immer. Dafür musste er ihr das selbe Versprechen geben. Dazu gehörte auch, dass sie zwei Menschen gleichzeitg lieben durfte, sagte sie. Und er nickte nur, dann küssten sie sich und er tolerierte tatsächlich. Er verstand es nicht immer, wie sie ihm eine Frau vorziehen konnte. Doch sie zog nicht vor, sie liebte auf verschiedene Weisen, so besänftigte sie ihn. Und sie liebte seinen Körper so sehr, wie er ihn selbst liebte, sie liebte alle Menschen, zu viele Menschen; zu sehr wollte sie ihre Liebe mit ihm teilen.

Dieser Wunsch nach seiner Teilhabe an ihrem gesamten Leben sollte ihre Verdammnis sein, als sie die schwer duftende Frau mit in die Wohnung brachte. Sie liebte ihr schwarzes, afrikanisches Haar, wie sie seine kurzen Locken liebte. Sie liebte ihre schwarze Haut, wie sie die seine samtene liebte. Sie mochte ihre kleine, weiche Brust, ihre schwarzen Augen, wie sie die Unendliche Geborgenheit an der seinen liebte, wie sie seinen tiefen Blick vergötterte. Sie liebte, liebte sie, liebte ihn, liebte das Bild der beiden, das sie sah, als sie ihre Augen schloss, Schwarz auf Weiß. Sie hoffte auf Freude, sie war klamm vor Spannung. Das Adrenalin durchfuhr ihre Adern und zerrte an ihnen, riss ihr Herz in ihrer Brust umher und ließ ihr keine Ruhe; So sehr wünschte sie sich, dass sie sich alle drei lieben konnten, jeder jeden. Dass sie eine kleine Familie sein würden, sich nicht nur gleich stark, sondern auch gleich-zeitig lieben konnten.

Ihm gefiel ihre Farbe nicht, seine Toleranz war nur eine schwache Kruste auf seiner glatten Oberfläche gewesen, süßlich wie der klebende Nachgeschmack der verhassten Zigaretten. Nun blätterte sie ab, genau wie der Schorf, den er um sich herum verstreut sah. Frau, sagte er, ja, Frau! Aber nicht schwarzhäutig! Was ihr einfiele, ihm war grau vor Augen, er verstand nicht. Ich liebe euch beide, ich hatte gehofft, ihr könntet euch auch lieben! Wie sehr wollte ich, dass ich euch beide zusammen lieben kann, anstatt euch nur nebeneinander zu haben!

Was kann ich schon dafür, sie ist schuld, die Kleine, was hat sie mich auch so angestarrt immer mit ihren großen runden Augen und ihrem Kindergesicht, da verliebt sich ein Mann eben, sowas passiert und dann ist es ihre Sache. Sie muss ja nicht so schauen, sie kann sich selbst die Augen ausstechen, das ist nicht meine Aufgabe und wenn ich ihr doch gesagt habe, dass ich schizophren bin, eine Gefahr, wie verliebt muss sie doch gewesen sein, um diesen Grad der Blindheit ausleben zu können. Warum, fragt sie, warum, immer dieses Warum. Deinetwegen, Kleines, alles deinetwegen. Ich war beschäftigt genug mit meinen eigenen Wunden, was soll ich mich da um deine Gelüste kümmern, wo ich doch an meinem schürfend faulen Fleisch schaben muss! Ich hege Verständnis für deine animalischen Ideen, siehst du, ich verstehe dich, also lieb mich weiter. Wohl wahr, sie wird dich töten, Liebe tötet, das hat sie schon immer. Aber es ist ein schönes Ende, so dramatisch, eine wahrhaftige Köstlichkeit. Schau, du wirst sterben, wie deine schwarze Freundin starb. Es ist nicht meine Schuld, du hast sie ja mitgebracht. Viel zu lange Zeit duldete ich demütigen Herzens deinen Dualismus – es war genug, auch Homosexualität hat ihre Grenzen; Du sollst mein bleiben und wenn dir deine dunkelhäutige Freundin so wichtig ist, so sollst du beide haben, in mir vereint.

Seine Finger krallen das saftige Stück Fleich so fest, dass er fühlt, wie es unter seiner Haut zerborstet. Wie sich kleine Bröckchen davon unter seine Fingernägel fressen; wie das heiße Fett auf seiner eigenen Haut herabrinnt; wie sich die Gabel, von der er sein Essen zieht, in seine Muskeln gräbt, ganz tief, obschon sie bereits seit unsäglich langer Zeit stumpf ist. Seine Gier wird seinem Mundwinkel zum Verhängnis, gleich darauf seinem Kinn, der warme Saft vermischt sich mit seinem Speichel, mit seinem Blut, und rinnt hinab, und dann noch viel weiter hinab, über seinen Hals, nistet sich in seiner Brustbehaarung ein. Er schwitzt und doch treibt ihn sein Appetit an, noch schneller zu essen, seine Erregung steigert sich unaufhörlich. Die Gabel fällt auf den Tisch, verfärbt das dunkle Holz fettfarben. Sein nächster Bissen kommt nicht mit dem Metall des Besteckes in Berührung, bevor es auf seiner weichen Menschenzunge landet, er leckt sich genüsslich die Finger, noch kauend. Beißt auf ein Stück Knorpel, das muss ihr Ellbogen gewesen sein, ihm wird die Bedeutung des Sprechens eines sich im Halse umdrehenden Magens schlagartig bewusst und der beißende Geruch des Erbrochenen lässt ihn in sich zusammenfahren, aufspringen, sich von dem Tisch entfernen, der so mittig im Zimmer steht. Er hat es an den Fingern, er wischt es sich an der Hose ab, bereut es, es ist seine letzte. Er schwankt, würgend, und doch lechzt es ihn danach, weiter zu essen. Ein Schluck Wasser, ein Schluck Wasser und er setzt sich wieder an den Tisch. Erinnert sich an ihre weiche, braune Haut, an ihr Haar, das so verführerisch nach Frau gerochen hat, bevor sie sterben musste. Und vergleicht es mit der schwarzen Kruste, die jetzt ihren angeschnittenen Körper überzieht, vom Haar ist nicht viel über, allein der penetrante Geruch haftet überall im Raum, an der Decke, an den Wänden, umspielt seine Kleidung, sein Gewissen. Es appelliert, an ihn, an seine Vernunft, an seine Menschlichkeit, seine Reue, doch der Appetit meldet sich zurück und der Knorpel ist wieder vergessen; er wieder in seiner bewusstseinsraubenden Trance, die ihn die Welt vor seinem kleinen Küchenfenster vergessen lässt; seine gelben Zähne in ihrem Oberarm, den er gut mit viel Salz und einer Currybarbecuegewürzmischung aus dem 21ten angefertigt hat. Er hat sogar Salat aufgetrieben, aber der liegt im Waschbecken, mit einer kleinen Schnecke darauf, er denkt nicht mehr an das frische Grün, das hier so selten ist, nahezu unbezahlbar, er denkt auch nicht mehr an die Astern, die seit Monaten auf den blutbefleckten Hügeln wachsen, überall, als wollten sie der Welt ins Gesicht schreien und ihr mit ihren zynischen Gesichtern schmerzhaft zu Gemüte bringen, dass sie es gewusst hatten; wie lächerlich es doch war, so erbärmlich, geradezu Mitleid erregend, wie sie sich selbst zerstört hatte. Als wollten sie das Geschehen mitverfolgen, nur um hinterher sagen zu können: Wir wussten es, immer schon, und wir wussten auch, dass wir zum richtigen Zeitpunkt kommen würden, dein Ende mitzuverfolgen

wenn der Himmel blutet und die Menschen verbrennen unter unseren Blicken, denn wir hatten Recht.

So war es, wir hatten immer schon Recht.

Er erinnert sich. An einen Freund von damals, schon lange her, einer der letzten, bevor jeder Einzelne der Menschen einsam wurde, sich zurückzog, in seiner eigenen Einsamkeit zu sterben; denn der Geiz dieser Spezies ließ ihn auch sein Leid nicht mehr teilen. Jener werte Freund hatte immer Knorpel mitgegessen, es hatte ihn jedes Mal zur Weißglut gebracht, er mochte ihm an die Gurgel springen, ihn beleidigen, und doch war er jedes Mal ruhig geblieben, hatte sich nichts anmerken lassen, hatte immer nur verzweifelt mit seinem Würgreiz geringt, während sein Mitesser genügsam auf dem weißlich-transparenten Abschaum herumbiss, manchmal knackte es, manchmal flutschte es zwischen seinen Zähnen hindurch, denn es ist weich, es ist glitschig, es ist eine Mischung aus Haut und Knochen, ein Mittelglibsch, das nicht zum Essen prädestiniert ist. Er hält es nicht aus, es ist doch so schade um die Mahlzeit, das erste Mal erwärmt schmeckt sie doch am besten und er hat sich lange auf das Festmahl gefreut, es könnte schließlich seine letzte Frau sein, man weiß nie, was die nächste Minute bringt. Doch es lohnt auch nicht, sie halbherzig zu verschlingen, wenn womöglich auch noch die Hälfte in einer Kotztüte landen wird. Also packt er die Hand und den angebissenen Arm sorgfältig in Klarsichtfolie, ebenso die Unterschenkel, den weichen Bauch, ihr zartes Gesicht; nur die Lippen schneidet er sorgsam ab, die müssen warm gegessen werden, anders macht das gar keinen Sinn.

Und ihm ist wohl, als er fertig ist, so wohlig warm, er ist satt und glücklich, fährt sich mit seinen Fingern über die Bauchdecke, sie zittern nicht mehr. Die Wand, an der er nun lehnt, ist kühl, ein schöner, frischer Gegensatz zum heißen Fleisch in ihm, das nun an seiner Magenwand klopft, tritt, fast kratzt. Ob sie wohl imstande ist, ihn zu verletzen? Man will diese grässlichen Blutungen doch nicht auch noch an der Innenseite mit sich herumtragen! Pschhht, sagt er, pschhht, ist doch gut. Er flüstert, als könne er sie somit beruhigen, in Schlaf lullen, um sie in aller ruhigen Gelassenheit verdauen zu können. Es gibt keinen Ausweg, mein Liebes. Pshhht, pschhht. Er wiegt seinen Körper hin und her, um auch den kleinen Widerständler in ihm zu wiegen, eine Schaukel, Schaukeln mochte er auch immer. Die Lippen in ihm antworten,

was hast du getan, du Bastard, du elender! Lass sie frei, wenn du schon mich nicht in meiner weiblichen Freiheit belassen konntest! Deine Welt ist Einbildung, es gibt keinen Weltuntergang, es gibt keine blutenden Himmel und auch du blutest nicht, es ist alles Einbildung, alles Einbildung!!

Ich weiß doch, ich weiß. Pschhht, pschhht.

Lass sie frei! Lass sie frei! Einbildung... oh...

Ich weiß, ja, ich weiß, pschhhht...

Es war sinnlos, mit ihr zu streiten, das wusste er. Er führte seine Hand in kreisenden Bewegungen um seinen Magen, um die Verdauung anzuregen, die Lippen würden sich schon in seiner ätzenden Magensäure auflösen und in Ewigkeit verstummen. Er schloss die Augen, dann sah er sich um im Raum, als wolle er ablenken.

Schau, das Zimmer, das du als letztes sahst, wollte er sagen. Eine schöne Wohnung hatte er, das wurde ihm erst jetzt klar. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch, auf ihm lag ein altes Playboymagazin und eine angefangene Schachtel Mild Seven, die Lights, die mochte er doch gar nicht. Woher er das Zeug wohl hatte? Es war schon wieder Nacht, er schien aus den Nächten gar nicht mehr herauszukommen, aber wahrscheinlich existierten keine Tage mehr, dessen war er sich sicher, wie sollte sich eine Apokalypse auch in Sonnenschein vollziehen. Es war erschreckend sauber in seiner Wohnung, wer wohl alles so sauber hielt? Vielleicht war es ja gar nicht sein eigenes Zimmer. Die Hemden waren gebügelt, doch er trug keine Hemden. Dunkles Holzparkett, schwarze Stühle, und es wirkte immer noch nicht düster, nur die nächtlich rote Dunkelheit durchflutete den luftigen Raum. Die Tür war verschlossen und hinter ihr stand eine Bodenvase. Baseball hatte er doch auch nie gespielt, vielleicht hatte er ja einen Sohn? Ich bin Vater, dachte er und blickte zu seier rundgesichtigen Freundin, ob sie wohl schon so lange ein Paar waren? Er kannte keine Zeit mehr. Es wirkte alles so normal, sie hatten ein Fenster, dahinter rote Himmel, die vor sich hin tropften, neben dem Fenster hing ein Plakat, vielleicht ein Kalender. Sie hatten einen Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine Eieruhr. Fernglas, ein Brief, er fühlte sich fremd und verloren in seiner eigenen Wohnung, wo er sich doch nicht mal sicher war, ob es denn seine eigene war. Neben dem Fernglas stand eine Schachtel Zwieback und sein kreisendes Streicheln entwickelte sich zu einem irren Kratzen, bis sich eine rötliche Schürfwunde unter seinem Brusthaar hervortat.

Schau, jetzt habe ich dich gekratzt, bevor du mich kratzen konntest. Also pschhht jetzt, beruhig dich, ich blute schon genug! Ich muss zur Apotheke, ob die wohl um elf noch offen hat?

Er griff nach dem Geldbeutel, der auf dem dunklen Tisch stand und öffnete die Tür zum Treppenhaus, seinen rebellierenden Mageninhalt nahm er tänzelnd mit.

Das Licht blendete ihn, es brannte in seinem Kopf und plötzlich wusste er nicht, was er wollte. Ihre Köpfe taten sich vor ihm auf, überall hingen sie kreischend von der Decke, das Treppenhaus war voll von ihnen, er stand in Blut, er hasste ihre braunen Wangen, ihr afrikanisches Haar, es machte ihn verrückt. Sie selbst war wie ein Haar, eine borstige, rauhe Krankheit, die die Pein in seinen Schädel trieb, die den ziehenden Schmerz mit einem Schrotgewehr in seine Stirne schoss, direkt hinter seine Augen. Er wusste nicht, was tun, er wollte zurück, er wollte nach draußen und er flehte in sich hinein, dass ihm etwas eine Entscheidung gab; verdammt sie, verdammt sie, die Anergie! Ach rubbte doch jemand dies Schafpockenhaar aus meinem Hinterauge! Abulie! Oh! Er schaffte es nicht, er fiel, sein Rücken füllte sich mit ihren Köpfen, auf denen er die Treppe hinabrutschte. Er würde unten auf Kacheln stoßen, Sodbrennen, keine Ausflüchte mehr suchbar, gefechtsexerzierende Krampfurteile.

Seine krausen Haare summten unter seiner brunstigen Durchlässigkeit surrender Megalomanie hervor, hinter warmherziger Bescheidenheitshülle. Krude Winde von Antiihms tanzten zynisch um seine feuchte Mundwinkelzuckung. Ob sein Dolchsstoß noch so genügsame Anfechtbarkeit weismachte wie zu noch dämlicheren Vorfliegenkopfentwässerungszeiten?

Der schlichte Giftmord war auch Kraftnahrung, das wusste jedes Kind, das nicht selbst zum Angelhakenschlucken gestattet war. Und so aufbarschte er im Treppenhaus wie Wundbrand, kupfergrüne Wulstnarbe auf rostenem Fremdimigranten. Erethismus, schwere Kindheit zu Raison.

Ich wache aus meinem Treppenhaustraum als das wieder auf, was ich schon immer war, dort, wo ich bin. Ich bin ein Grashalm. Rasenmäher köpfen mich regelmäßig, doch ich wachse nach. Buschige Raupen bekriechen mich, bis sie zu prachtvollen Schmetterlingen metamorphosieren. Sie wollen uns, wir sind viele, wir übertreffen uns gegenseitig mit unserer strahlenden Grünheit. Sie bestaunen uns, über mir wächst ein Rosenstrauch, asphaltener Gehweg ist nicht weit von uns, Hundeurin tränkt, was vom Rasensprenkler nicht genug bekam. Die Himmel sind so außergewöhnlich blau, die Wolken so weiß, dass man meinen könnte, die Welt kenne wegen ihrer perfekt strahlenden Buntheit keine Farben. Ein schwarzweißes Pleasentville, wir sind keine Individuen, darum dürfen die Gummisohlen des Sohnes auf uns treten, wenn sie vom Fußballspiel heimkehren. Es sind saubere Sportschuhe. Sie sind perfekt.

Die Helle, der Glanz des herkömmlichen Palisadenzaunes, der klarinettene Großmut, das Kupferlächeln, unzerstörbares Lustspiel des wachsmalkreidenen Theaters, in dessen Garten ich hausiere, Augenausbrenneisen, Selbstentzündung, sie setzten uns eine Krone auf.

Sehen nicht, dass ihre Rosen trocknen, dass Wurzelgeflechte der Astern unter uns wüten, die das Innere der Welt zerfetzen, wie mich einst meine eigene Liebe zerris. Die Himmel brennen und die verkohlte Erde wird uns bald durch Endblumen ersetzen. Und so wird das Feuer aus dem Himmel tropfen und letzten Endes unser aller Verdammnis sein. Kein Grün besteht gegen schraubenschlüsselnes Rot, kein Trümmermodell zerlegbar, nicht mit festgeheilten Schafpocken, nicht mit mürbelndem Wölbstein, nicht mit abgedroschenen Negativgießern – hinke, was wolle.
22.6.06 11:14
 


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