glueh.
Es war nicht gut, diesen Morgen aufzuwachen, als es den ganzen Tag dämmerig zu werden versprach, die Vögel nicht sangen, als hätte ihnen das Rauschen des toten Laubes, welches lauter blätterte als üblich, die Stimmen geraubt, ihnen ihren paradiesischen Gesang verstummen lassen. Sie lag schon nicht mehr neben mir, als ich die Augen öffnete und am liebsten hätte ich Strg+Z gedrückt und die Konsole gestoppt oder wenigstens auf die alt-Billy-Funktion zurückgegriffen und mein Aufwachen rückgängig gemacht. Ich spürte genau den Ärger, den sie hinterlassen hatte, sie mochte nicht, wenn ich manchmal den Wecker nicht hörte, es war wie nachts, wenn ich das Telefonklingeln nicht wahrnahm, so fest schlief ich manchmal, und sie wartete und die Nachttischlampe nicht anknipste, sondern demonstrativ anknipste und auch den Hörer abnahm und sich danach wieder zum Schlafen neben mich legte, mit dem Gesicht zur Wand. Sie verabscheute es, ich wusste das, aber ich hatte leichte Halsschmerzen an diesem Morgen und ich zog mir meinen Bademantel an, als ich zum Frühstücken hinunterging. Sie schnitt Brot mit der Brotschneidemaschine und ich sah an ihrem Hinterkopf, dass sie genau wusste, dass ich in der Küche war und Hunger hatte, und ich setzte mich an den Tisch, da wo ich immer saß, wo sie einen kalten Tee hatte stehen lassen, obgleich ich nur Kaffee trank am Morgen. Und sie trank immer Tee zum Frühstück und ich mochte es nicht, sie wusste es genau, fast hätte ich an ihrem Hinterkopf die Zynik herausgelesen, fast. Der Aschenbecher stand im Waschbecken, ich hatte aufgehört zu rauchen, das hatte ich den Kindern versprochen, als sie nach Hause gekommen waren. Es waren Projekttage gewesen für die dritte und vierte Klasse und ich sah, dass sie geweint hatten, es schimmerten immer noch Tränen in ihren Augen. Ich will nicht, dass Papi Krebs in der Lunge kriegt, hatte sie den ganzen Tag zu ihrer Mutter gequängelt und sie sah mich dabei böse an, als hätte ich den Kindern was getan. Der Kleine fragte, warum muss Papi früher sterben weil er raucht, und sie beruhigte ihn, ich müsse gar nicht früher sterben, ich werde noch viele Jahre leben und hundert Jahre alt werden; dein Vater wird dich nie verlassen und das versprechen wir dir, hatte sie gesagt. Und ihr Versprechen war mein Versprechen, aber diesen Morgen brach ich es. Ich bließ die weiße Luft gen Küchenlampe, der Kühlschrank surrte im Hintergrund und es hörte sich an wie das Hab ich Dir heute schon gesagt, dass ich Dich liebe von Chris Roberts und ich sah des Kühlschrankes peitschendes Grinsen, diesen Spott, als er das Lied sang. Er war alt, ich hatte Lust, den Stromstecker auszureißen, der Kühlschrank erinnerte mich an meine Jugend, als wir ihn gekauft hatten, so alt war er schon, und an den Tag, als ich zwei Murmeln auf der Straße fand und in meine Hosentasche schob. Wenn es auch nicht meine Jugend war, aber schon gute sechs Jahre her, wir hatten viel zu früh Kinder bekommen. Und da wusste ich genau, ich war so unjung und mein Elan war flöten gegangen und ich wollte nicht, dass es noch schlimmer wurde, wollte den Energiefluss unterbrechen, dem Leben seinen berühmt berüchtigten bleiernen Schlusspunkt setzen; den Kühlschrank ermorden, wenn man so will. Ich stand schon auf und ging auf das Hab ich dir heute schon... zu aber ich öffnete die Kühlschranktür und daran hing der Name meiner Tochter mit Magnetbuchstaben gepuzzlet. Ich wollte viel Butter heute morgen aber sie schnitt das Brot gerade und ich legte den weichen Klumpen auf den Tisch, da ist jetzt wahrscheinlich ein fettiger Fleck drauf, aber irgendwann wird sie es aufwischen, vielleicht morgen, oder schon heute Nacht, weil sie nicht schlafen können wird. Oder sie wartet noch Tage und dann wird irgendwann ihre Mutter zum Aufräumen vorbeikommen, obwohl sie es verabscheut, wenn ihre Mutter in unserer Wohnung aufräumt, das weiß ihre Mutter genau, aber diesmal wird es ihr nicht viel ausmachen. Ich setzte mich neben die glänzende Butter und sah ihr eine Weile dabei zu, wie sie das Brot schnitt und sie war fast fertig und ich habe jedes Mal Angst, dass sie sich schneidet, vor allem, wenn sie wütend ist. Ich goss viel zu viel dickflüssigen Honig in meinen Tee und trank ihn dann, und ich hoffte, der Halsschmerz würde dabei wie von allein verschwinden. Bringst du nachher den Jungen zum Baseball, fragte sie und ich erschrak und schmiss dabei die alten Tageszeitungen vom Tisch zusammen mit ihren Weiberzeitschriften und einem Trinkglas, das der Kleinen gehörte. Und sie zuckte zusammen dabei und hörte auf, das Brot in der Brotschneidemaschine zu schneiden. Ist gut, sagte ich, und ich sah in ihren Augen, dass nichts gut war, aber ich sagte nichts mehr und warf die Zeitungen in den Flur, wo noch mehr alte Stapel alter Zeitungen standen, die jetzt umfielen und sich auf dem dunklen Parkett verteilten. Und ich wischte die nassen Scherben auf und sagte Ja, ja, ich bringe ihn hin, ich warte dann mit ihm und dann fahren wir zum See, weil ich den Kindern doch versprochen habe, mit ihnen Drachen steigen zu lassen und sie wollen bestimmt, dass du mitkommst. Und ich setzte mich wieder und trank den Tee fertig und wir schwiegen, wir schwiegen auch noch, als sie fertig war mit dem Brotschneiden und jeder sah etwas anderes, sie starrte auf das Plakat neben dem Fenster, welches die kleine in der Schule gemalt hatte, mit einem Pferd und einem gelben Kleid und ich hatte auf dem Bild blaue Haare und die Sonne hatte einen roten Mund aber keine Augen. Ich sah aus dem Fenster und durch das Fenster, durch die Scheibe, durch die Fensterbank und dann durch das Fernglas, ich war aufgestanden. Und dann fragte ich noch, wann sie die Telefonrechnung bezahlen würde weil ich den ungeöffneten Brief sah, der da stand und sie antwortete nicht und ich wusste, dass diese Bemerkung gemein gewesen war. Also schwiegen wir lange weiter und das Kühlschranksurren hörte auf, bis wir die Uhr ticken hörten. Und wir waren so in unser Schweigen vertieft, dass wir auch nicht aufstanden, als es Zeit dazu wurde, obwohl wir die Uhrzeit genau vor Augen hatten. Und weil die Uhr in seinem Zimmer richtig ging, kam der Kleine um elf in die Küche und strahlte übers ganze Gesicht und sie sagte, ah, da bist du ja, ich fahre mit, freust du dich schon, und er nickte nur und dann lachte er, ich nahm die Autoschlüssel und ging in das Schlafzimmer, erst jetzt, weil sie nicht gesagt hatte, ich solle mich umziehen. Der Baseballschläger war schwerer, als ich ihn in Erinnerung hatte und meine Halsschmerzen gingen nicht weg aber ich sagte nichts und ich redete nicht mit ihr während der Autofahrt und der Kleine erzählte von seinem Baseballtrainer und von dem neuen Freund, den er in der Mannschaft gefunden hatte und als wir da waren, rannte er so schnell aus dem Wagen, dass er stolperte und das brachte ihn zum Weinen. Das Trösten war ihre Sache, es ist immer ihre Sache, obwohl ich es mir auch zumuten würde, aber sie scheint es nicht zu tun, schon gar nicht, als sie sauer auf mich war, also nahm sie ihn in den Arm und ignorierte mich schlechthin und ich fühlte mich ein bisschen verlassen als regloser Zuschauer, fast wie einer dieser Gaffer, nur Schaulustige. Solche Situationen erinnern mich immer an meinen Großvater, der es hasste, nicht gebraucht zu werden und der es auch hasste, wenn ihn Leute begafften manchmal oder wenn sie andere begafften, einfach, wenn die Menschen gafften und nutzlos umherstanden und nur im Weg waren und sich eigentlich nur ein bisschen Abwechslung wünschten in ihrem traurigen Leben. Er kannte die Menschen gut, das glaube ich jedenfalls und er sagte immer, dass sie auch nichts dafür könnten, es liege eben in der Natur des Menschen zu gaffen, sie hoffen immer, dass etwas passiert, sogar etwas schlechtes kommt ihnen Recht, sie mögen es, wenn andere leiden, wenn sie es auch nie zugeben würden. Und sie freuen sich, wenn ein Bus mit voll Karacho in einen Baum fällt und das Blut spritzt und überall Scherben sind und die Feuerwehr kommt und die Polizei, wenn sie dann ihre besorgten Mienen aufsetzen können, Tränen in den Augen, Entsetzen, Hilfsbereitschaft, Mitleid, Menschlichkeit. Aber in Wirklichkeit beten sie nicht zu Gott, dass alles in Ordnung kommt, sie danken ihm nur dafür, dass er ihre vorigen Gebete endlich erhört hat und etwas geschehen lässt, etwas, was ihre Aufmerksamkeit endlich, endlich für einige Minuten auf etwas anderes lenkt, hinfort von ihrem alltäglichen Leben, von der Routine, die sie Tag für Tag durchleben müssen, von der Arbeit, die sie hassen und trotzdem verrichten müssen, weil sie als Jugendliche keinen Sinn für Zukunftsplanung hatten und sich alles verbauten, hinweg von ihrer Familie, von der kranken Großtante, vom pubertierenden Neffen, von der zerstörten Ehe. Abends können sie dann beim Abendessen feierlich schweigen und müssen sich nicht die immer neuen Geschichten erzählen lassen, die ihre Frau beim Friseur aufgeschnappt hat, können endlich in Ruhe an ihre eigenen wohlverdienten Erfreulichkeiten denken und so tun, als wären sie immer noch benommen ob des schrecklichen Unglücks, dass der Herrgott den Menschen zustoßen lassen hat in seiner Ewigen Barmherzigkeit. Wie konnte er das nur Zulassen? Wie kann er es wagen, barmherzig zu sein, und uns nicht den Grund für die Qual auf Erden verständlich zu machen? Es wäre doch alles so viel leichter, wenn er uns das Gute zeigen würde, wir wissen, dass der Unfall nichts schlechtes sein kann, doch warum lässt er uns im Unklaren über die endlose Güte, die er uns damit zuteil haben lässt? Sie wissen es genau, die sie diese Fragen stellen, sie wagen es nur nicht, es auszusprechen. Es ist schlicht ihr eigener Wunsch gewesen, einen Grund zu haben, Gott diese Fragen endlich wieder stellen zu dürfen.

Mein Großvater hasste diese schamlose Menschlichkeit, und noch mehr hasste er die Tatsache, dass er selbst sie immer auslebte. Doch er wehrte sich nicht dagegen, er tat zwar so als ob, aber ich glaube, in Wirklichkeit genoss er sie wie all die anderen, nur versuchte er das durch seine ewigen Monologe zu überspielen. Und das habe ich von ihm übernommen, seit er gestorben ist, ich erkenne mich in seinen Eigenarten wieder und doch leugne ich es auf gewisse Weise. Es war ein tragischer Tag, sein Todestag, er war noch nicht besonders alt damals, eigentlich wusste ich sein genaues Alter nie, aber er wirkte immer recht frisch und so war es ziemlich erschreckend, als er sich auf einem Anglerausflug plötzlich an einem Stück Brot verschluckte und ins Wasser fiel, ertrank. Letzten Endes weiß niemand so genau, woran er eigentlich gestorben ist, ob es das Brot war oder die Tatsache, dass er überhaupt nicht versucht hatte, wieder aufzutauchen, was ich nämlich glaube, es ist zwar nicht bewiesen, doch der Autopsiebericht sagt, er habe sich nicht gegen das Ertrinken gewehrt, jedenfalls nicht gestrampelt, wie ein Mensch das normalerweise tut, um wieder aufzutauchen und nach Luft zu schnappen. Und ich glaube der Technik und Medizin oder was auch immer unserer Spezies die Möglichkeit gibt, herauszufinden, was mit dem Körper genau passiert ist vor seinem Tod und ich glaube, dass mein Großvater einfach aus Trotz nicht versucht hatte, zu überleben, er war sowieso schon seit drei Jahren in Rente und hatte wohl keine Lust mehr auf dieses ewige hin und her, auf die ganzen Predigten über Moral und die Gesellschaft und auf seine gespielte Menschenkenntnis, dabei interpretierte er immerzu allein sich selbst, wer hätte schon gedacht, dass er dem Rest der Welt so ähnlich war?

Irgendwie ging es wieder, sein Knie war aufgeschürft aber blutete nicht einmal und er hatte nur Zirkus gemacht, wie er das eben immer machte, bestimmt gewöhnt er sich das noch irgendwann ab, wenn er ein Paar Jahre älter ist. Eigentlich schade, es ist doch eine gute Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber wahrscheinlich hilft das nach einer Weile nicht mehr, wenn man schon ein großer Junge ist, dann heißt es von uns Eltern nur noch "mach kein Theater" und man muss sich benehmen und zusamenreißen. Aber ich hatte so große Lust, das auch mal zu probieren und als er mit seinem Freund redete und ihm sein Knie zeigte und lachte und übertriebene Gesten machte mit seinem schweren Baseballschläger, der fast so groß war wie er selbst, so kam es mir jedenfalls vor, da stand ich auf, rannte los und ließ mich theatralisch auf den Schotter fallen und find an zu quängeln und zu jammern und hielt mir mein Knie. Ich habe immerhin ein Träne und eine halbe hervorgepresst, ich bin fast stolz darauf gewesen, aber sie schüttelte lediglich den Kopf und sah mich böse an. Also ich fand das witzig. Bin also aufgestanden und ein paar Schritte zu ihr gehumpelt aber sie drehte sich von mir weg und griff nach ihrer Sonnenbrille, ist dann direkt an mir vorbeigerannt, als hätte ich ihr was getan. Ein bisschen verletzte es mich doch, immer wieder das Gleiche, und die Art, in der sie das machte, so boshaft und versteckt, ein Fremder hätte es wahrhscheinlich nicht wahrgenommen aber ich kenne sie schon seit Jahren, ich kenne ihre Gesten, ihre Mimik und was sie mir sagen will. Also humpelte ich einfach zu den Zuschauertribünen und als niemand reagierte und nur ein par entsetzte Eltern die Köpfe schüttelten und ihre Gesichter erschrocken wegdrehten, als ich sie ansah, hörte ich auch mit dem Humpeln auf und setzte mich schweigend auf die kalten Bänke, um meinem Sohn beim Spielen zuzusehen. Es war ein klasse Wetter, obwohl es nicht sonnig war und der Wind zwar schwach, aber kühl und ich hatte das Gefühl, es würde stürmen und schneien und regnen und hageln und alles auf einmal, als bräche die Welt plötzlich zusammen, als zerrissen die scharfen Eistropfen meine Haut, wie kleine Scharfe Klingen, aber da war nichts und ich wusste nicht einmal, woher sich diese zweite halbe Träne nahm; ich schob es darauf, dass halbe Tränen keine ganzen sind und ich mir zu stark einzureden vermochte, dass sämtliche Körperteile von dem Sturz schmerzten.

Die Zeit ging vorbei und es wurde kühl und ich klatschte, als mein Sohn etwas tolles zusammenspielte, ich habe ja keine Ahnung von Baseball aber die anderen waren beeindruckt und sahen mich an. Das ist also der Vater des kleinen Burschen, sieht man den auch mal, ja der bringts doch noch zu was und mir bleibt nichts anderes übrig, als stolz dreinzuschauen und dem Kleinen zuzujubeln und ihn zu loben, so wie es der Trainer tat. Und dann nach endloser Zeit wie es mir schien, war sein Training endlich vorbei und ich war froh, weil ich nicht noch länger in diesem eingebildeten Unwetter sitzen wollte. Und ich musste wieder an meine Halsschmerzen denken und dann war ich wieder traurig, weil sie immer noch beleidigt war und ich sie immer noch liebte, das wusste ich genau, und ich werde sie immer lieben aber sie war wütend und vielleicht wäre es besser gewesen, sie wäre nicht mitgekommen. Wir fuhren einen Umweg zum See, weil die Kleine bei ihrer Freundin übernachtet hatte und ich mochte die Gegend nicht, da wo die ganzen reichen Leute wohnen. Ich bin nicht arm, eigentlich sind wir sogar gut dran, aber trotzdem war diese Gegend arrogant, da hatten alle kleine Gärten, kleiner als unserer, aber dafür mit Baggern und Maschinen geebnet und meistens mit einem Swimming Pool, dabei haben nicht mal wir einen Swimming Pool, nur ganz viel Platz für die Kinder zum Toben, obwohl die sich immer einen Swimming Pool wünschen aber wir erfüllen ihnen diesen Wunsch nie und sie freuen sich nur, in diese scheußliche Gegend zu kommen wo auch die hässlichen Zwerge in den Garten stehen und noch hässlichere Engel und ein Haus hat sogar einen eigenen Brunnen, der alles gesunde Maß an Hässlichkeit überschreitet, aber sie freuen sich immer und finden ihn toll und ich lächle sie dann immer an und sie nickt mit dem Kopf, bis wir daran vorbei sind. Die Familie der kleinen Freundin ist ganz in Ordnung, bei den Elternabenden grüßen die einen immer nett und wenn es auch nur Höflichkeit ist, immerhin sind sie höflich und haben Anstand, ich hasse Menschen, die nicht höflich sind, wenigstens grüßen müssen sie einen und sich Kleinigkeiten merken, einen guten Tag wünschen und nach der Arbeit fragen, sonst nichts, aber nach der Arbeit, jede Form von Interesse am Familien oder Liebesleben empfände ich als aufdringlich und als Einmischung in mein Leben, oder die Frage nach der Gesundheit, das war zu viel und höchstens angebracht, wenn wirklich peinliches Schweigen entstand und man es schnell überbrücken wollte, aber ich mochte peinliches Schweigen, ich selbst finde so etwas nicht peinlich, viel mehr schätze ich Menschen, die mich einfach in Ruhe schweigen lassen und ihre Klappe halten können. Sie waren okay und die Kleine verabschiedete sich freudig von ihrer kleinen Freundin mit ihrem Teddy unterm Arm und der rosanen Sporttasche, in der sie ihre Zahnbürste und den Schlafanzug hatte.

Wir sind dann direkt zum See gefahren, die Eltern haben uns noch gefragt ob wir einen Kaffee wollten, aber wieder nur aus Höflichkeit, mit ihrem grünblauen Fußabtreter, und sie wollten eigentlich gar nicht, dass wir einen Kaffee trinken, als wäre es schon zu viel des Guten dass sie meiner Tochter eine Nacht lang einen Schlafplatz hatten bieten müssen und die Kleine war froh, als sie ging, obwohl sie manchmal auch jammert und quängelt, dass sie bleiben will und im Auto hat sie dann erzählt von ihren großen Abenteuern mir ihrer Barbie und dem Barbiepferd. Und sie wollte auch ein Barbiepferd und sie hatte fast Tränen in den Augen als ich den Kopf schüttelte und das war ihr so wichtig, der Wunsch nach einem Barbiepferd war so stark, dass sie ich schon gar nicht mehr traute, zu betteln, ich wusste das, wenn ihr etwas sehr, sehr am Herzen liegt, ist die Angst davor, es nicht zu bekommen, so groß, dass sie schon gar nicht fragt weil ich nein sage, weil Eltern anfangs immer nein sagen, bis man lang genug gebettelt und einen mit großen Kinderaugen angeguckt hat, das kenne ich noch von meiner Kindheit, immerhin erinnere ich mich an das und bei mir war das immer so und eigentlich ist das traurig, weil sie dann auch von mir manche Sachen kriegt, die ihr weniger wert sind, weil sie sich da eher traut, lange zu fragen und anderes Zeug, ohne das sie schier nicht Leben kann, bekommt sie nie, obwohl sie sich das doch so sehr wünscht. Es ist absurd und ich hasste mich in dem Moment schon dafür, dass ich mit dem Kopf geschüttelt hatte und dann vergaß ich es wieder und versuchte, in meinem Augenwinkel zu erkennen, was sie tat, aber sie ignorierte es, sie sagte nichts sondern sah nur auf die Straße und plötzlich regte ich mich auf, dass ich nicht fuhr sondern sie, und ich nahm mir vor, auf dem Rückweg am Lenkrad zu sitzen dabei hatte ich meinen Führerschein nicht dabei aber man wird hier sowieso nie kontrolliert, es kam mir nur so in den Kopf und ich wollte außerdem ein Barbiepferd für die Kleine kaufen, das nahm ich mir ganz fest vor, diese zwei Sachen, gleich morgen wollte ich zum Spielwarengeschäft und dann das coolste Plastikpony von allen kaufen, am besten in lila mit ganz viel Glitzer in dem Haar, was giftig ist, wenn Kinder es schlucken, aber sie lutscht ja nicht an dem Barbiepferd herum und dann wollte ich eine Barbiekutsche dazu kaufen und einen Barbiehund und Barbiereithelm und den ganzen Schrott, ich wollte mal so richtig viel Geld für Barbies rausschmeißen nud mir selbst würde ich dann eine von diesen Barbiekatzen kaufen, die im Dunkeln leuchten, fluoreszierend oder so nennt man das, diese ganze Technik, von der ich damals nichts wusste und ich habe ja keine Ahnung davon, aber ich hatte gehört, dass die Dinger radioaktiv seien und dann wollte ich mir sowas kaufen und es schlucken, vielleich bekäme ich davon ja ein Magengeschwür oder Leberkrebs, einen Tumor, der so schnell wucherte, dass man mich nicht mehr hätte retten können und dann würde es ihr vielleicht leid tun und sie würde mir vielleicht sagen, dass sie mich noch liebt und ich könnte ihr auch sagen ich liebe dich und dann hätte mein bevorstehender Tod die Familie gerettet, nur wäre es dann umsonst gewesen, das Rauchen aufzugeben, also hoffte ich, dass das Plastikzeug mich nur krank machen würde und nicht gleich töten, weil sonst möglicherweise noch jemand einen klitzekleinen Anflug von Trauer bekommen könnte, außer natürlich ich verreckte an der Barbiekatze und sie würde den ganzen Barbiekonzern da verklagen und Millionen dafür einsacken und reich und glücklich sein, dann wiederum würde ich meinen Tod auch wieder bereuen, weil ich dann ja nichts mehr vom Geld hätte, ganz schön verzwickte Situation... Aber mir kam ein Geistesblitz und ich wusste, dass es gar nicht so schwer war, ich musste nur meinen Tod an der Barbiekatze vortäuschen und die ganzen Ärzte, die die Autopsieberichte schrieben, bestechen mit dem Geld, das ich noch bekommen würde und der Gedanke gefiel mir und machte mich ein bisschen munter und als wir am See ankamen lächelte ich sie an, weil ich für einen Augenblick vergessen hatte, dass wir sauer aufeinander waren und uns hassten aber sie lächelte ja sowieso nicht zurück.

Wahrscheinlich war das alles gar nicht so wichtig an dem Tag und vielleicht bildete ich mir etwas darauf ein, da hatte sie manchmal Recht. Aber die Kinder spielten und freuten sich über den Drachen obwohl ich ihnen immer helfen musste, ihn in die Luft zu bringen und er blieb auch nie lang oben aber immerhin flog er und der Wind konnte sich nicht entscheiden, ob er existieren wollte oder nicht.

Ich fragte mich, ob es wohl alles in Ordnung käme, wenn ich ihr wie die Kinder sagte dass ich sie liebe, wie lange hatten wir uns das nicht mehr gesagt und ich hatte Angst, dass sie nicht sagen würde ich liebe dich auch, ich hatte nur deshalb Angst, es ihr als erster zu sagen weil ich es hören wollte, ich wollte aus ihrem Mund hören ich liebe dich auch aber die Angst war so groß, sie hätte auch nein sagen können oder mir nicht zuhören oder mich anschreien und des Lügens beschuldigen oder sofort die Scheidung einreichen dabei liebte ich sie doch immer noch, wenn es auch schon lang so ging und es quälte mich so sehr, dass ich es nicht sagen konnte und es zerriss mir das Herz weil ich wusste, dass es am nächsten Tag schon zu spät sein könnte, aber ich wagte es einfach nicht, stattdessen hörte ich den Kindern zu, wie sie hüpfend lachten und schrien. Papa, Papa, der Drache, Papa! Mama, schau, es fliegt, ich kann fliegen! Und sie saß im Schatten und sah ihnen zu und lachte mit ihnen und einmal lief die Kleine zu ihr und umarmte sie und sagte ich hab dich lieb, Mama und ich dachte, ich liebe dich, Mama und dann musste ich ihm schon wieder helfen den Drachen in die Luft zu bringen, wahrscheinlich hatte ich schon einen ganz roten Kopf vom Rennen, rot wie Tomaten, die ich nachher noch zu kaufen hatte, ich wollte ja im Supermarkt vorbei. Ich dachte es so oft und so laut, dass ich erschrak und nicht mehr sicher war aber ich hatte es nicht gesagt. Ich pflückte eine Blume. Die Melodie ging nicht mehr aus meinem kopf, hab ich dir heute schon gesagt, dieser Kühlschrank, ich hatte so eine Wut auf ihn und die Wolken lachten mich aus, so nutzlos und lachten, ich schrie HA! HA! Aber niemand verstand meinen Sarkasmus und meine Wut und dann pfiff ich die Melodie, pfiff und pfiff, eine Krähe flog vorbei.

Sie war es trotzdem, die auch auf dem Rückweg fuhr, ich wollte nicht mehr reden, alles machte mich traurig und ich hasste diesen Gedanken so sehr. Kannst du am Supermarkt vorbei fragte ich, und sie wollte da sowieso hin. Wir fuhren von dem blöden Parkplatz, wo immer Enten an der Ausfahrt herumliefen, ich hasste auch die Enten und dann fuhren wir eine Weile und ich schloss die Augen, das Fenster war offen, obwohl es ziemlich kühl war mittlerweile und ich hätte fast geweint. Ich schaffte es, ich musste es unbedingt sagen, ich weiß nicht, warum es mir wo wichtig war, aber ich fing an: Ich li.. und dann geschah etwas, ich konnte nicht zu Ende reden und weil ich immer noch aus dem Fenster sah, sah ich auch, dass wir in eine Kurve fuhren, ohne sie zu nehmen, sie lenkte noch nach links, aber der Baum war schneller als wir. "Scheiße!" hörte ich sie schreien, die Kinder kreischten hinter mir. "Scheiße."

Ich kann mich daran erinnern, wie ich starb. Ein Schaulustiger fragte mich, ob ich Angst habe, ich wollte den Kopf schütteln, Angst hatte ich keine, eher eine ehrfürchtige Vorfreude auf den Augenblick, in dem ich genau zwischen Leben und Tod stehen würde, ein Augenblick, der eigentlich nicht existierte, doch er war das Gefühl, das man fühlte, wenn man diesen kleinen Sprung wagte. Es gab nur ein Davor und ein Danach, das Dazwischen war nicht real, doch gerade dieses Unreale reizte mich, meine Gier. Meine Vorfreude löste sich auf, als ich merkte, dass ich bereits tot war, es enttäuschte mich bitter. Im Moment des Todes fühlt man nichts; der perfekte Schmerz, von dem ich so oft geträumt hatte, war nur ein Hirngespinst gewesen und ich wusste, dass mein totes Gehirn nicht mehr imstande war zu solch Fantasien. Ich erinnere mich genau, es passierte nichts danach, außer dass ich die Menschen sah und meine leblose Hülle, aber sie war mir weniger wert, als den weinenden Zurückgebliebenen, die nicht verstehen, dass ich nicht mehr in ihr bin. Von oben sehe ich sie noch, die Kinder schlafen und sie ist alleine in der Küche mit dem Butterfleck auf dem Tisch und sie kann mich nicht sehen. Und sie sitzt so alleine in der Mitte der Küche, dass sie verlassener nicht wirken könnte, und lehnt mit geschlossenen Augen an der Schwarzen Stuhllene.
22.6.06 11:15
 


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