glueh.
Achtundzwanzigster September zweitausendundvier.

Warum bekomme ich eigentlich immer die doppelte Portion zu essen? Das hat doch nur zur Folge, dass mich in den nachfolgenden Stunden nur noch Gedanken beschäftigen wie: *Mein Magen ist ein roter, schleimiger Luftballon, der platzt, wenn man ihn zu stark aufbläst*. Dann fühle ich nur zu genau, wie meine Magenwand aufreißt und der ganze Inhalt, das schlechtgekaute, halbverdaute Essen mit ein wenig braunem Schorf aus mir quillt, wie die ätzende Magensäure dabei all die nebenliegenden Innereien verkokelt. Als Gesamtes erinnert es stark an dickflüssiges Magma, das langsam, doch unaufhaltsam an die Oberfläche tritt, sich stetig voranfrisst, bis es schließlich an Bäumen, Geröll und Menschenmauern kleben bleibt. Ich sehe mich diese klebrige Schicht penetranten Geruches hinter mir herziehen; wie Hänsel und Gretel (schon vorzeitig gemästet) eine Spur auf meinem Weg durch die graue Stadt zurücklassen. Mein Bett nur mit Krümeln geziert, kleben die ersten aufgewürgten Bröckchen bereits hartnäckig an den Straßenbahnsitzen. Alles, was danach kommt, wird in meinem gedanklichen Revue des Tages großzügig mit Körpersäften bestückt, die von meinem Überfressen-sein herrühren. Erst, als das gereizte und übermüdete Ich im Bus angelangt ist, gelingt es mir aufzuhören, blutigen Gemütes Schweinereien in meine Umgebung zu schleudern. (Das Geräusch des platschenden Eiters auf den Fensterscheiben verschafft Genugtuung.) Denn als ich gerade dabei bin, Niels eine Ladung meiner Lawa ins Gesicht zu klatschen, um ihn ruhig zu stellen, sucht Fiddy jemanden für heute, da habe ich mich ja gemeldet, fällt mir ein. Also unterbreche ich meine um-sich-kotzender-Vulkan-Fantasien und wende meine Gedanken dem Text hier zu. Ihr wollt also wissen, was wir so tun? Und eine persönliche Note soll ich mit einbringen... Ja klar, als ob euch das interessieren würde!

Wenn das hier den Ablauf des heutigen Tages genau beschreiben soll, so müsste ich meinem Protokoll um Mitternacht einen Anfangspunkt setzen, wo kalendarisch der achtundzwansigste September beginnt (Dienstag, der Tag, an dem einem klar werden muss, dass bereits eine weitere Woche des ohnehin zu kurzen Lebens am Auslaufen ist). Da sich mein konfuses Teenagergemüt zu dieser Uhrzeit allerdings kaum mit Moskau beschäftigt und meine Gedanken höchstens Träume über Freundschaften und dementsprechend schmerzhafte Abschiede von gewissen (Ex-) Gemeinschaftskundelehrern formen, überspringe ich die Nacht und erspare euch somit den Teil mit der erfantasierten Schüler-Lehrer-Beziehung. Mein Tag beginnt ohnehin mit dem Aufstehen. Und dieses kann schon ziemlich unangenehm werden, wenn man nicht genug Schlaf hatte, und das aus nichtigen Gründen wie überlangen Telefongesprächen mit der besten Freundin zu Hause (erste Anzeichen des sich anbahnenden Heimwehs [aber keine Bange, sind ja nur noch drei Tage. Könnte auch noch ein Fitzelchen länger sein; bevor man aus lauter Sehnsucht nach dem eigenen Land krank und bettlägerig wird, lässt sich die Zeit hier nämlich viel zu gut nutzen, um schon wieder zurück zu fahren!]). Bleibt also nur noch das „guten Morgen“, bei dem ich mich jedes Mal von neuem blamiere. Russisch ist ΄ne abstruse Sprache.

Nein, heute hat mich mal niemand begrüßt, nur sofort durch den engen Spalt zwischen Tisch und Fensterbank gedrängt (Mann ey, ich bin dank euch eh schon zu fett, mich da durch zu zwängen, also mit der Ruhe, ich werde schon noch zu meinem Plätzchen am Esstisch kommen!), damit ich mich setze und meine Swiet-Wiet-Flakes esse. Hatte ich doch glatt wieder vergessen, dass mir mein Müsli immer kochend serviert wird, höre ich die Mutter sprechen. Etwas, das nach russischem „gut schlafen“ klingt und dann das übliche „skasch jej!“. Klar doch, ich weiß genau, was jetzt kommt: „Hast du... gut? ...geschlafen?“ Irgendwo zwischen panischem an-mein-buddhistisch- Körper-und-Seele- in-Einklang- bringen-Buch- Erinnerungsversuch und krampfartig röchelndem Hervorwürghusten der sengenden Milch (aufpassen, Vorbote der Lawa!) nicke ich verzweifelt. Ich sehe ihre Reaktionen nicht, zu viele Tränen. Als von der Hitze dann nur noch der pulsierend dumpfe Nachklang des Schmerzes übrig ist, schluckaufe ich ein „und du?“ ... Eigentlich könnten wir das Gespräch doch mal auf Tonband aufnehmen, dann müssten wir es nicht täglich von neuem führen. Oder (das wär doch auch mal was: ) wir alternieren ihre Betonung des abschließenden

„Ja.“ Pause. „Auch.“ Löffelheb. „Danke.“ Grins. Weiterschlürf. (Wie um Himmels Willen schafft sie es nur, dieses Zeug einfach so zu sich zu nehmen?? Ist die Beschaffenheit russischer Speiseröhren etwa anders als die unsere?)

Ja, so viel zu unserem wunderprächtigen Frühstück. Morgen steh‘ ich fünf Minuten später auf, mit ein bisschen Glück ist die weiße Brühe dann schon um drei, vier Grad abgekühlt.

Ha! Gut, dass ich mir die einzelnen Stationen des Tages aufgeschrieben habe, sonst hätte ich den Schulweg nämlich vergessen und wüsste nicht, ab welchem Zeitpunkt ich mein Protokoll fortsetzen soll. (Oh Schande! Lasst uns diesen Gedanken nie wieder aussprechen, Brut des Satan!) Nun denn, wenn ich’s mir recht überlege, gibt es zum Schulweg nichts zu sagen. Ohne ein Wort zu wechseln laufen wir durch den Park (Gott segne das viele Grün in Moskau!) und von dort aus hoppeln wir in die Straßenbahn. Ich steh‘ auf die Straßenbahn, dieses Luftanhalten (unfassbar, wie viele Menschen sich da reindrängen können... und atmen kann man da drin gewiss nicht mehr!), die klebrigen Stangen, an denen man sich rein theopraktisch sollte festhalten können, die orange-grauen Plastik-sitze. Wie aus einem Ü-Ei geschlüpft, eine kleine Kunststofffigur, die jeden Augenblick auseinanderfallen könnte, doch bis dahin erfreut sich das kleine Kind an den verschluckbaren Kleinteilen und den umweltfreundlichen Aufklebern, die das ganze noch bunter machen sollen, als es ohnehin schon ist. Nur die Schokolade außenrum fehlt, aber ich habe die Straßenbahn nie angeleckt, wer weiß, vielleicht schmeckt sie ja tatsächlich süß. Und wie bei einem Überraschungsei ist der ganze Spaß nur von kurzer Dauer, wir fahren ja nur bis zur nächsten Haltestelle. Halte ich persönlich für sinnlos. Fünfzig Meter mit der Straßenbahn zurückzulegen, hat keinerlei Vorteile. Man ist nicht mal schneller, und bezahlen muss man die Fahrt ja auch noch. Anfangs meinte ich ja noch, meine Gastfamilie wollte mir einfach nur zeigen, wie eine Moskauer Straßenbahn funktioniert. Jaja, in Reutlingen gibt es sowas ja nicht. Lassen wir doch einfach mal unbeachtet, dass es auch noch Städte wie Stuttgart, Freiburg, ja meinetwegen Warschau gibt, in denen das so alltäglich ist, wie die Fahrbahnüberquerung per Zebrastreifen. Doch höchstwahrscheinlich sind es eben die Zebrastreifen, die sie dazu veranlassen, die Straßenbahn zu nehmen. Als Alina hier war, sind wir ja schließlich auch jeden gottverdammten Tag über die weißen Streifen gedackelt, als wüsste sie nicht wie so was geht. Empörtes Kopfschütteln.

Wieder ausgestiegen laufen wir die letzten 20 Meter zur Schule. Schön, mal wieder keine Sau da. Die schlafen alle noch. Warum dürfen die zu spät kommen? Und wir sind immer pünktlich. Aber Pünktlichkeit ist ja eine Tugend, also nutzen wir die überschüssigen 20 Minuten, mal die schicke Schule zu betreten. Schuhe wechseln. Straßenschuhe  Schulschuhe. Ich schätze mich glücklich, dass ich das nicht auch tun muss.

Lasst uns noch auf die Toilette gehen! Nee, muss nicht. Tue zumindest so als ob, ich ziehe das Busklo dem Schulklo nämlich vor. Da gibt es nämlich nicht nur eine Tür zum Pisspott, nein, sie lässt sich auch noch abschließen! (Wunder!!) Scheint in der Schule nicht notwendig zu sein. Also bin ich doch erst mal richtig erleichtert, als wir endlich, endlich entspannt im Bus sitzen, wo es nun zum einleitends erwähnten Blabla kommt und ich mich dazu aufrapple, den Tag zu beschreiben. Ich hab‘ ja noch nicht (und wer will schon noch mal?). Jach, ihr seid ja selbst schuld.

Da sitzen wir also, alle sechs Deutschen auf einem Haufen, die Russen im ganzen Bus verteilt. Nachdem wir unsere Lunchpakete inspiziert haben (erst mal den Großteil Niels schenken, damit von den zwei Schichten Käse und je zwei Schichten Wurst zweier Sorten [beispielsweise Schinken und Putenbrust] [oder Salami und Lioner] nur noch die eine Schicht Käse und eventuell ein Salatblatt [Rarität! Zumindest bei mir gibt’s nie Salat zu futtern.] übrigbleibt...), wird uns auch mal wieder klar, wie müde wir alle sind. Im Halbschlaf gähnend lasse ich mir also ein Gedicht von Niels vortragen:

Ferne,

empfange den Obdachlosen,

öffne dein Tal.

Wie ist der Himmel heute?

Zeig mich den Sternen!

Unten,

in tausend Kirchen,

singt das trauernde All den Choral:

„REQUIEM AETERNAM...“

Wladimir Majakowski, klar, wir sind in Russland, was erwarte ich auch anderes, als ein russisches Gedicht. Ich mag Majakowski!! Weiß dummerweise nicht mehr, welches Gedicht Niels mir vorgetragen hat, ist ja auch egal, war eh kein ganzes und ich habe das Buch mittlerweile hier liegen. Und auch kleine, dahingestotterte Gedichtfetzen sind noch besser als:

a) „Der kurze Sommer der Anarchie“ von Hans Magnus Enzensberger

b) „Sly“ von Banana Yoshimoto.

Zwar ist das Anarchie-Ding göttlich interessant und ich verdammt heiß drauf, es endlich fertig zu lesen und auch Sly wunderschön geschrieben, doch ich bin einfach zu müde, die ganzen Infos in mich zu saugen oder mich von der Melancholie mitreißen zu lassen.

Ich glaube, ich bin zwischendurch mal kurz eingenickt, jedenfalls finden wir uns irgendwann im Kreml wieder. Hätte ich mir anders vorgestellt, muss das deutsche Gemüt sein, meine Erwartungen zu hoch geschraubt. Klar doch sind die Kirchen echt hübsch und so, aber es ist nichts neues mehr. Die Übersetzerin hat uns selbst gesagt, dass man eine orthodoxe Kirche sehen kann, eine zweite, aber dann hat man alles gesehen und die dritte ist bereits zu viel. Na toll, was macht sie? Führt uns durch alle kalten Ikonenwände, die sie in Moskau nur für unser Programm zusammenkratzen kann. Ich kann die Type nicht leiden. (Unhöflich? Ehrlich!) Und dabei kann man das alles so cool rüberbringen. Aus Unlust und Trotz setze ich mich einige Male ab, scheiß doch drauf. Da ist so eine geile italienische Reisegruppe! Ganz enthusiastisch hör‘ ich denen ein bisschen zu und stelle mit Erstaunen fest, dass ich nach meinen krüppeligen zwei Jahren Schulitalienisch alles verstehe! (Ich liebe meine Italienischlehrerin!!) Ich mutiere auch kurz zu einer Ikonensäule (ich weiß ja, ich stehe den Leuten immer unnütz im Weg herum). Es ist ja kaum zu übersehen, dass wir nicht zu der Reisegruppe gehören. Würd‘ so gern noch länger bleiben, doch es ist meinen werten Lehrern nicht so recht, und zu denen will ich ja nicht gemein sein. (Nicht doch... ts, ts, ts...!) Also höre ich mir noch an, dass wir alle Pilze sind („TUTTI SONO FUNGHI!!!“) und mache einen kleinen Abstecher auf die schicken Dixie-klos. Naja, nicht ganz, ich halte Mirischatz ihre Kamera, während sie sich in diese Kackbox wagt... (Respekt. Ich für meinen Teil hätte mir lieber in die Hosen gepisst.) Dann heißt es „tief durchatmen“ (natürlich erst, als wir uns in einer sicheren Entfernung zu den WCs befinden) und auf in die Rüstkammer. Hm, interessant. Sofern man der Dame nicht beim Gockeln zuhört. Ja doch, die Sachen da drin sind schick, nur halt zu viel, es hier alles zu beschreiben. Aber was jucken euch schon das Silbergeschirr und Goldbesteck, die Schwerter und ausgestopften Pferde mit leerem Ritter drauf? (Ein russisches und ein polnisches. Das russische Pferd ist viel schöner als das polnische, das ist unfair.

Auch unbeachtet der Tatsache, dass man im Kreml dann tatsächlich einige Geschenke aus Polen bewundern kann, fühlt man sich hier Polen viel näher, als in Deutschland. Das Grau am Tag, die katastrophalen Straßenverhältnisse, die abgewrackten Häuser [die Aufzüge!] und die roten Nachthimmel, das birgt alles einen Hauch Warschau in sich. Und dennoch ist mir Moskau zu kalt, zu tot. Und zu groß, alles ist größer, vor allem die grauen Klötze, die sich nicht definieren lassen, die einfach da sind.)

Irgendwann geht es dann ENDLICH zurück in den Bus. Ist dummerweise genauso langweilig wie bei der Hinfahrt. (So ein Pech aber auch...) Kann es sein, dass wir in einem Stau stehen? Ich kann das nicht mehr so recht einschätzen, hier wird auf den vierspurigen Straßen immer sechsspurig gefahren. Ampeln und Zebrastreifen scheinen nur zur Zierde angebracht worden zu sein. Wenn wir grad mal stehen, anstatt mit fünf Kilometern pro Stunde vorwärts zu schleichen, weiß ich natürlich nicht, woran es liegt. Durch meine halbgeschlossenen Lider blicke ich durch das Fenster auf den Gehweg neben mir. Zwei Frauen laufen schnurstracks geradeaus aufeinander zu. Ausweichen? Noch nie gehört! Rennt halt gegeneinander, Weiber! Der Gehweg ist ja nicht BREIT genug! Leicht angenervt von der Szene (es stimmt, dauernd wird man hier angerempelt, als könnte man nicht dreißig Zentimeter zur Seite treten, wenn einem jemand entgegenkommt!) und zitternd (erst jetzt, wo ich gerade wieder aufwache, fällt mir auf, dass ich friere) richte ich mich auf und schlucke angewiderten Blickes beim Rausholen meines Brötchens. Wird angebissen, wieder in den Rucksack geschoben. Wie könnte ich jetzt bloß essen, habe noch immer Sodbrennen-flair im Verdauungstrakt, von der siedenden Milch am Morgen. Wenn ich mich jetzt wach halte, vielleicht, ja, vielleicht wird mir dann ein bisschen wärmer. Also suche ich mir eine Beschäftigung und finde tatsächlich eine kleine Belanglosigkeit. Neben mir sitzt irgendjemand, Gedächtnis will mir nicht verraten, wer es war. Reden macht zwar keinen Spaß, aber besser als nichts. Also verfallen wir in einen schläfrigen Plausch über Politik und Gesellschaft. (Misstrauen. Putin ist eh scheiße und Russen haben vielleicht mehr Sex, aber besser kann er keinesfalls sein: Die Unter-vierzig-Prozent-kein-Alkohol-Theorie steigert zwar die Willfährigkeit der Frau, doch sie schnürt zugleich die Fähigkeit des Mannes, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.)

Irgendwann findet man sich tatsächlich zu Hause wieder. Halleluja. Wohnung. Wärme. Mein erster Gedanke gilt dem Badezimmer! Nichts schöner jetzt, als sich heiß die Hände zu waschen. Es ist scheißkalt in Moskau! Obwohl es doch eigentlich gleich warm ist, wie in Deutschland, das haben sie mir zumindest am Telefon erzählt. Und doch kommt es einem hier so viel kälter vor. Kommt wohl davon, dass man einfach nicht um die Pfützen herumkommt kommt kommt. Und das wunderschöne, durch und durch blaue Badezimmer wirkt da so wohlig warm, wenngleich auch Blau eine kalte Farbe ist. Aber es hat mittlerweile seine Perfektion verloren, das vollendete Gefühl des Durchweg-in-Blau-getaucht-seins, denn jetzt, gegen Ende meines Moskau-Aufenthalts, hängen auch andersfarbige Handtücher am Waschbecken (gelb) und das Klo spült seit neuestem grün. Wenigstens hat’s da noch den blauen Teppich, obwohl der bei uns schon eher anstößig wäre, gilt eher als unhygienisch, so ein Teppich im Badezimmer. (Sehr wohl --> Schnier, der Herr. Das mit dem unhygienischen Badezimmerteppich ist nicht meine Idee...)

Und ab zum Mittagessen. Wie immer fängt alles mit einer Suppe an. Nichts gegen Suppe, ich liebe Suppe! Die gleiche gab’s doch gestern auch schon? Ja doch, schmeckt. Aber... diese Fleischklumpen da drin, die sind alles andere als appetitlich. Eher sehr gewöhnungsbedürftig. Einen Tick Überwindung kostet es einen, in diese an Katzenfutter erinnernden Klumpen zu beißen. Und da Geist stärker ist, als Materie, schmeckt es sogar nach Katzenfutter. Nicht, dass ich jemals Katzenfutter gegessen hätte (wäre doch aber einen Versuch wert, oder nicht? Ich habe ja drei Katzen, Katzenfutter liegt bei uns also auch genug rum.), aber es schmeckt, wie das Katzenfutter bei uns zu Hause riecht. Und weil mir der Kitekat-Gedanke Kälteschauer über den Rücken jagt, versuche ich, an etwas anderes zu denken. Mein Hirn will aber nicht an etwas anderes denken, als ans Essen. Also bemühe ich mich, die braunen Kügelchen mit etwas anderem zu assoziieren, das ein ähnliches Äußeres trägt. Kurze Leere in meinem Kopf... Meerschweinchenkacke. Na toll. Das hat mir gerade noch gefehlt. Meerschweinchenkacke in meiner Suppe. Ich vermeide jeden weiteren Gedankengang zu diesem Thema, wer weiß, was noch dabei herauskommt. Begnüge mich stattdessen damit, die Meerschweinchenkacke so schnell wie möglich zu schlucken, um dann in Ruhe den Rest meines Süppchens essen zu können. Gelingt mir sogar. Zufrieden, wenn auch überfüllt, lehne ich mich zurück und freue mich auf meinen Tee, bin immer noch nicht ganz aufgewärmt. Aber ich liege natürlich mal wieder falsch, Tee gibt’s noch nicht, wir haben doch erst die Vorspeise hinter uns. Als ich noch ein Meerschweinchen hatte, hat das auch ab und zu seine eigene Scheiße gefressen. Ob es nach seiner Meerschweinchenkacke wohl jedes Mal dachte, es käme noch was? Naja, ich weiß nicht wie, aber ich überlebe es. Habe das Leid wohl sofort verdrängt, um nicht noch höhere Qualen zu durchleben. Ich erinnere mich nur noch schleierhaft an (wie immer) in Fett schwimmendes Stück Fleisch mit Blumenkohl. Beilagen kennt man hier nicht. Ich schnorre mir trotzdem ein Stück Brot, obwohl ich ja schon bei der Suppe genug davon hatte. Und zwar belegtes, hier wird das Brot zum Essen immer belegt. Mit Schinken oder Salami. Und einem Stück Gurke, das einzige, was es hier an Grünzeug zu fressen gibt. Aber hey! Ich habe mich erfolgreich vor dem Nachtisch gedrückt! Stattdessen kam endlich mein Erlöser Tee und ich konnte in mein Zimmer abdüsen! Definitiv zu viel Geltung wird dem Essen verliehen, viel zu viel!

Sehr cool, das Essen hinter mich gebracht, lädt mich Alina höflich in ihr Zimmer ein, wo wir russischen „Rock“ hören (kennt einer von euch die Gruppe „KИHO“? Das verstehen die unter Rock... na, wenn sie meinen...) und uns Photos ansehen! Von ihr, von ihrer Familie, von ihren Freunden und von all den schönen Urlaubsorten, an denen sie schon war. Und dann, dann komme ich endlich zum Lesen. Sie macht Hausaufgaben und ich empfinde tiefstes Mitleid mit ihr, denn gerade, als Durruti 1923 ins Exil gehen muss, da der Diktator Primo de Rivera ans Ruder kommt und die Reaktionäre in Spanien ihm und Ascaso das Genick brechen würden, müssen wir auch schon los. Und sie ist noch nicht einmal annähernd mit den Hausaufgaben fertig. Selbstverständlich würde mir das am Arsch vorbei gehen; wenn ich keine Zeit habe, meine Hausaufgaben fertig zu machen, dann lasse ich es halt, aber in Russland sieht die Sache anders aus, da wird strenger gegen Unverschämtheiten wie mich vorgegangen. Sie wird also noch spät in der Nacht an Deutsch, Literatur, Geometrie und Geografie sitzen, weil wir jetzt nämlich zur Metro müssen.

Also wieder raus in die Kälte. Es regnet (welch Abwechslung). Die ganzen Pfützen werden wie ein Hindernisparcours hinter uns gebracht. Gutes Training, das Hüpfen. Und vielleicht gleicht es auf Dauer ja das viele Essen aus? (SICHER doch...) (Wir wollen doch nicht sarkastisch werden?) (Niemals!) Und dann freut sich das kleine Margot, weil es endlich mal Metro fahren darf. Klar, erhöhtes Risiko, so viele Menschen, bla bla bla. Aber es musste einfach mal sein. Ja, ich geb‘s zu: sie ist voll, stopfig, wackelig, kaputt. Absolut überschätzt. Und auf den ersten Blick verständlich, dass hier Anschläge befürchtet werden, bei den Menschenmassen. Und trotzdem, wer will schon aus Moskau zurückkommen und behaupten, er sei nicht Metro gefahren? Als ginge ich nach Grönland, ohne auf Eis gestanden zu haben. Das ist absurd, durch und durch undenkbar. Und dabei gefällt mir die Metro. Da drin, da schwingt alles hin und her. Es ist ohrenbetäubend laut. Und ich muss sofort überlegen, wie laut es eigentlich objektiv gesehen ist. Es wirkt wirklich laut, aber wenn ich mir (diesmal echte) Rockmusik reinziehe, dann ist die doch mindestens genauso laut, oder? Und der Vergleich mit lauter Rockmusik passt tatsächlich. Die Menschen tanzen jetzt schon, im Takt des lauten Rauschens, das durch die Fenster geflutet kommt. Es gibt nur drei Sorten Mensch: Jene, die in der Metro schlafen, die, welche in der Metro lesen und solche wie mich, die gedankenverloren ins Nichts starren. Und sie alle tanzen, tanzen in diesem gottbelebten Rhythmus der kreischenden Monotonie. Das sanfte Kopfnicken (bang your head! Hell yeah!) mit geschlossenen Augen läuft synchron ab zu dem gelegentlichen Umblättern der Seite im Buch, ein perfekt einstudierter Tanz. Das macht Lust auf’s Ballett, ob die Ballerinas wohl auch so perfekt synchronisieren? Ob das Orchester dem vollkommenen Geräusch des Undefinierbaren nahe kommen wird?

Um sich von diesen Vermutungen überzeugen zu können, ist es nötig, im Balschoj- Theater angekommen, vorzugeben, man wäre der russischen Sprache mächtig. Es reicht tatsächlich, zu grinsen, immerzu (möglichst chillig russischen Slang nachahmend) „da“ und „spassíba“ zu sagen und darauf zu hoffen, die Handzeichen der Wegweiser richtig gedeutet zu haben. Denn irgendwann kommen wir an unseren Plätzen an und ich stelle mit tiefster Bewunderung fest, dass das Ballett die Metro um einiges übertrifft. Für achtzig Rubel erlebe ich das also! Keine drei Euro sind das! Es ist einfach unbeschreiblich, sollte ich je wieder nach Moskau kommen, werde ich wieder in dieses Theater gehen. Es war wunderschön, mehr dazu zu sagen ist mein Krüppelhirn nicht imstande, einfach anschauen! Denn das muss man einfach gesehen haben! Und ich wette, es ist egal, was man sich ansieht! Wir hatten nun die Ehre, Schneeglöckchen zu sehen (wobei wir anfangs immer an „Schneewittchen“ hingen, weil die werten russischen Deutschlehrer es nicht gepeilt haben, den Märchentitel gescheit zu übersetzen! Die Verbindung zwischen Geschichte und Titel des Stückes wurde einem also erst im Nachhinein klar).

Der Weg zurück in der Metro unterscheidet sich natürlich kaum von dem Hinweg. Es ist immer noch genau so voll, alles hektisch, man verliert sich unheimlich schnell in diesem Gedrängel. Wer da hinfliegt, ist gearscht.

Und auch der Tanz in der Metro geht weiter. Obwohl die Frau, die liest, ihre Augen kaum noch offen halten kann. Jene, die zu schlafen versucht, scheint sie nicht geschlossen halten zu können. Da stellt man sich doch glatt die Frage: warum kein Rollentausch? Der Gedanke ist wohl zu abwegig. Und überhaupt: verklickere das mal einem Russen, wo du doch selbst kein Wort Russisch sprichst!

Und nach der Metro werden wir von den Papis abgeholt. Jetzt noch die vierzig Meter zu laufen, wäre für uns Kinder auch wirklich gefährlich! Also müssen wir warten, bis sie kommen. (Kommen, uns zu holen! Nyhaha!) In der Zeit kämen wir fünf Mal zu Hause an, aber gut. Habe ich doch immerhin genug Zeit, in dem widerlichen Metrowind zu stehen und die Kioske zu inspizieren. Viel Scheiß, viel billiger Tabak (wenn ich doch nur Raucher wäre... fast Grund, anzufangen...), WC für dreiundzwanzig Rubel! Leider kein Jackie, aber WC ist WC. Mal sehen, wo und wann ich mir das Zeug ziehen kann... tja, in meine Flut der Endorphine platzt der Pappi (soll jetzt nicht abwertend klingen, DIESER Mann ist zwar wirklich zu alt für mich, aber sexy ist er immer noch...) und wir können endlich heim. Da freu‘ ich mich erst mal über den Aufzug. Scheint nicht genug zu sein, dass zwischen festem Boden unter den Füßen und Aufzugboden ein fünfzehn Zentimeter breiter Spalt ist, der tiefe Einblicke in den viel zu weit nach unten führenden Fahrstuhlschacht gewährt, nein, wenn man den Aufzugboden betritt, muss der ja auch erst einmal mit einem Ruck zehn Zentimeter nach unten sinken. Wie auch immer dieser Kasten konstruiert wurde, ich bin froh, wenn wir heile oben ankommen, bzw. überhaupt irgendwo ankommen. Aber dieser Schimmel an den Stellen, wo sich der Boden gelöst hat, die vielen abgewetzten Sticker, welche die Kinder im Haus an die Wände geklebt haben und die kaputte 7-Taste, ruft eben wegen des Existenzminimum-Charakters diese kleine Welle der Wärme in meinem Herzen wach, weil ich weiß, dass ich diese Erinnerung nicht mehr verlieren werde.

Wir essen auch wieder, aber gut! Die arme Alla setzt sich tatsächlich noch an ihre Hausaufgaben, ich kann schlafen. Ich sag’s ja: bei uns würden so viele Hausaufgaben nur heftigste Rebellionen auslösen. Gott sei Dank hab‘ ich Niels den Unterschied zwischen Rebellion und Revolution heute schon auf’m Kreml erklärt, jetzt wäre ich dazu garantiert nicht mehr in der Lage. Jetzt ist Schlafenszeit.

Was ich nie auf Russisch werde sagen können, würde diesem Bericht einen schönen Schlusspunkt setzen. Doch ich werde mein „Gute Nacht“ bei Lebzeiten nicht mehr lernen.

Liegt wohl an meinem Um-Teufels-Willen-nichts-falsch-sagen-wollen-Komplex.
22.6.06 11:15
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
. . . . . .