glueh.
no more gnus

Erst hatte ich so lange nicht mit dieser Mütze herumlaufen gedurft, weil sie scheiße aussah; jetzt durfte ich mich nicht ohne sie in der Öffentlichkeit zeigen. Ich komme nicht umhin, zu lächeln, wenn ich an diesen letzten, kläglichen Versuch denke, mich ins Alter von zarten 14 Jahren zurückzukatapultieren. Wahrscheinlich bin ich die einzige, die darin eine gewisse Ironie sieht; ich hege eine enorme Leidenschaft für Ironie und auch für die Jugend. Meine Freundschaft mit Ms.Z hatte schon immer auf einer Hassliebe beruht, für meine Verwandtschaft existiert die Freundschaft nicht mehr, tatsächlich überwiegt hier allerdings zur Zeit die Liebe. Sie ist ein Schatz, ich hätte gleich sagen sollen, dass sie nichts damit zu tun hat, dass ich keinerlei Fähigkeit habe, mich auszudrücken. Zwar ist sie nun auch nicht mehr in meiner Klasse (an dieser Stelle herzlichsten Dank der Subjektivität kompetentester Lehrkräfte!), doch der Schulalltag wäre noch langweiliger ohne sie. Nun wahr, es ist Ms.Y, ohne die ich es nicht mehr für nötig empfände, meine Schulpflicht wahrzunehmen. Doch Ms.Z ist das bisschen Frische in der öden Welt, die neuen Ideen, die liebevollen Schübe der Erinnerung an bessere Zeiten. So zum Beispiel, als ein Tag mal wieder besonders beschissen gewesen war. Gegen Ende, kurz vorm Abdüsen, stand sie plötzlich vor Ms.Y und mir, mit dieser gottesähnlichen Karikatur eines Rauchers in der Hand. Hey! Hilfst du mir, das Ding an die Raucherlehrerzimmertür zu kleben? Sie hätte gar keine Hilfe gebraucht, aber es tat gut, danach gefragt zu werden. Es war spät, aber Fünfminutenpause, weswegen noch einige Lehrer durch die Gänge streiften. Wir standen nutzlos der Welt im Weg und sobald sich dann die Möglichkeit ergab, die Karikatur mit Klebeband an die Tür zum Raucherlehrerzimmer zu kleben, nutzten wir sie natürlich sofort. Fräulein Z befestigte die Postkarte mit großer Sorkfalt neben die dröge „Raucherlehrerzimmer“-Aufschrift und sagte dies natürlich auch laut, was meinereine Gedanken ohne Umwege auf einen gewissen Mr.XGL lenkte. In Verbindung mit dem RLZ und dem etwaigen Winkel, in dem ich nun zu dessen Tür stand, sentimentalte ich der Situation, als Mr.XGL einmal auf Mr.Js Behauptung, es stünden zwei Mädchen an der Tür, die ihn gerne hätten, schlicht machohaft erwiderte, das wollten viele Mädchen. Es gedachte sich mir in diesem Augenblick nichts angebrachter, als mein „Ja! Klar!“ so sarkastisch als möglich auszurufen, wobei ich es auch beließ; alle (Mr.J, Ms.Y, Mr.XGL himself) verstummten daraufhin; ich schien eine leichte Reizung des Raum-Zeit-Kontinuums hervorgerufen zu haben und so verfiel ich also zurück in mein apathisches Grinsen; ein nichtssagendes „Äh.“ meinerseits erbot ihnen ein Weiterfließen ihrer stets sich ändernden Gesichtsausdrücke. Mehr wurde darüber nicht philosophiert (zumindest öffentlich nicht); etwas später beging ich noch einige Male den Fehler, Mr.XGLs Kommentar wiederaufgreifend abfällige Bemerkungen über gewisse intime Gefühle ihm gegenüber zu wagen, die kein Aas verstand; als Scherz, lieblich ironisch, wie sie ursprünglich alle gemeint gewesen waren.

Doch Fehler begeht man ja bekanntlich recht häufig im Leben. Aus irgendetwas muss man schließlich lernen, wenn man in der Schule nicht genügend Anreize bekommt. Ich möchte keineswegs undankbar oder unterfordert erscheinen. Auch, dass mich die Schule zur Zeit ankotzt, liegt einzig und allein an mir. An meinem Alter. An meinem unaufgeräumten Zimmer. Eigentlich liebe ich die Schule ja. Genauer gesagt liebe ich das Lernen, nicht die Schule an sich. An der Schule mag ich allein die Tatsache, dass ich dort einige nette Leute treffe; sowohl Lehrer als auch gleichaltrige Freunde. Doch -wie könnte es auch anders sein- stört mich der Untgerricht ein wenig. Ich langweile mich, aber wer langweilt sich schon nicht.

Und die Langeweile verfolgt mich sogar bis nach Hause. Ich komme von der Schule zurück, als ich die Haustüre hinter mir schließe, überfällt mich unendliche Erleichterung. Ich ziehe meine Schuhe aus, immer noch ziemlich angespannt, und will nur noch, wirklich nur noch in mein Zimmer sitzen und apathisch in die Luft pusten. Es ist schon seltsam, gerade jetzt wartet ein Brief für mich auf dem Küchentisch. Ich habe mich ja noch unter Kontrolle, als ich zur Tür hereinkomme. Dann rege ich mich wieder über die Baumarkt-werbung und Spenden-Bettelbriefe ohnehin unseriöser Kinderhilfsorganisationen auf, über die ich zwangsweise stolpere, als ich den Flur betrete. Irgendwie haben Praktiker, Walmart und co. ja trotzdem ihre guten Seiten, zwar lenkt das Altpapier meine Gedanken von meinem Lebenshass (und dem auf die Schule) und lässt sie stattdessen einige erholsame Sekunden lang über arme, gerodete Bäumchen kreisen und über die Frage, ob wir wohl bald alle ersticken werden, wenn es zu wenig O2 und zu viele Menschen gibt. (Ich frage mich, wie sich ein Erstickungstod anfühlt.) Ich denke auch, mein Hallo noch relativ cool gen Wohnzimmer schreien zu können, wo vermutlich mein kleiner Bruder sitzt. Doch dann rennen meine Beine einfach los, diese Bastarde! Bis ich nun in meinem Zimmer stehe, den Tornister mitsamt Brief klimpernd auf den Boden fallen lasse, eine kahle, lieblose Wand vor mir, weiß gestrichen, ein Jack Sparrow, der mir alias Johnny Depp von einem kreuzgefalteten Poster entegenstarrt; vor meinen Füßen ein geschmackloser, (einst) grellpinker Eigentlichpulli. Ich entdecke nach einem kurzen Moment des nirwanaähnlichen Nichtdenkens und demnach auf einem naturalistischen Fehlschluss basierenden Nichtseins den Brief, der sich doch noch oder wieder in meiner Hand befindet. Ich weiß nicht, was für ein Brief das ist, mir doch egal. Auf meinem Schreibtisch herrscht definitive Platzlosigkeit, ich verlege meine Übungshefte und Einladungen zu Elternabenden in eine Schublade, kann diese nicht mehr schließen und schmeiße den gelben Briefumschlag auf das Fensterbrett, neben veraltete Ü-Ei-Figürchen, ein rostiges Fernglas und kleine, beppige Window-Colours-Reste, die ich mal mit dem Skalpell vom Fenster gekratzt habe. Weil die Vögel weg sind; die waren ja ach so wertvoll und hatten ihre ach so gefühligen Seelen und waren ach so dumm, immer gegen die Fensterscheibe zu fliegen, dass man diese zuschmieren musste. Die Fenster waren keine Fenster mehr, aber die brauchte ich ja auch nicht, wo ich doch meine stinkenden Nymphensittiche hatte, dieser Vogelduft, dieser Staub, der sich überall festsetzte. Warum habe ich überhaupt solche Viecher besessen? War ja doch nichts, als Vogelscheiße-von-Parkett-gekratze. Ja, Vögel scheißen auch. Guano, hieß Guano nicht auch irgendwass mit Vogelkot? Die Vogelkot-affen. Gute Idee, auf die ich da gekommen bin, nicht in der Stimmung für GA, aber Lust auf laute Musik. Wird in CD-Player geschoben und ich werde mit meinen fünf bis zehn Kilo mehr als nötigem Körperfett auf das Bett geschmissen.

Doch zurück zur Langeweile: als die CD zum vierten Mal von vorne anfängt, ich immer noch auf meinem Bett liege, weiß ich plözlich nicht mehr, was tun. Ich könnte die CD wechseln, statt dem schlichten „Therapy?“ einfach „Shock Therapy“ hören. Oder so. Aber ich bin zu faul, einfach zu faul und nicht einmal die Langeweile bewegt mich zum Aufstehen. Sie schmerzt nur ein wenig, wie ein Specht klopft sie in meinem Hirn, hackt mit ihrem harten Schnabel auf meine Nerven ein, versteht nicht, dass mein Hirn schon gehackfleischt ist, dass sie auf einen glutflüssigen Brei einpickt. Und ich greife zu rohen Spaghettinudeln, in der Hoffnung, das Pochen unter meiner Schädeldecke mit dem lauten Knacken des harten Teiges auf meinen Zähnen zu übertönen.

Es hilft nicht, ich stehe also doch auf, lege eine andere CD ein und nehme mein Skalpell von der Fensterbank. (Probleme bei der Arbeit? Migräne? Schlafstörungen? Ihr Skalpell hilft ihnen weiter!) Ich genieße das Gefühl der Klinge auf meiner Haut, die Vorstellung des warmen Blutes, das an ihr herabrinnt.

Nein, Sterben... hab‘ zwar nichts dagegen, aber Weiterleben könnte ja auch noch ganz nett sein. Eigentlich dachte ich noch nie daran, mich umzubringen. Ich weiche dem Tod auch nicht unbedingt aus, sollte ich sterben, dann durch einen dummen Unfall, den ich nicht zu vermeiden suchte; dennoch: lieber flüchte ich mich (an der Batterie lutschend, die aus meiner Uhr stammt [die steht jetzt auf 11, schöne Zahl, so harmonisch]. Vielleicht läuft sie ja aus und vergiftet mich? Wie sich wohl ein Tod durch Vergiftung anfühlt?) in meine Traumwelt, eine Leiter, die ich mir baute, um einen Weg zu haben, über den ich mich in mein Versteck vor der Welt zurückziehen kann.



[..]



Als ich diesmal meine Burg betrete, ist es anders. Es ist, als sei ich schon den ganzen Tag in ihr gewesen und nun, da ich wirklich dort bin, nehme ich meine ganze Müdigkeit mit, diese schleppende Trägheit und den Schleier, der über meinem Schwindel hängt. Ich spüre meinen Körper zu gut, kann mit ihm reden, weiß, wenn er zu mir spricht. Dafür liebe ich ihn, trotz seiner Hässlichkeit. Ich schlafe in meiner Burg ein, unwissend, ob ich träumen werde.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. (Irgendwie ist der Samstag einfach ausgefallen.) Auf eine ungewohnte Art war meine Nacht zu heiß, zu heiß, als dass ich hätte durchschlafen können. Viel zu früh stehe ich also auf, immer noch halb tot, übermüdet, aber die Hitze zwingt mich, mein Zimmer zu verlassen. Als ich unten bin, in der Küche oder im Wohnzimmer, ich weiß es nicht mehr genau, wünsche ich mir, wieder nach oben zu gehen und zu verbrennen. Zu einem kleinen, unscheinbaren Häufchen Asche zu werden. Am besten gleich in einem alten Essiggurkenglas, sonst müsste ich mich noch selbst auffegen, immerhin bin ich es, die den Dreck verursacht hat. Ich weiß schließlich auch, wie man einen Staubsauger bedient. Weil sie noch mit mir reden (ich weiß gar nicht, was sie gesagt haben, aber sie haben nur darauf gewartet, dass ich etwas sage, um endlich losschreien zu können.), bleibe ich auf dem braunen Stuhl sitzen, bis ich sicher sein kann, dass sie fertig sind. Dann erst erhebe ich mich vorsichtig und laufe die Treppen wieder hoch, betrete mein Zimmer wie eine Mikrowelle, zögernd, weil ich weiß, dass ich hier auf dem besten Wege zum Suizid bin, sie werden mich nachher zu Abend essen können, frisch geröstet. Aber ich sterbe einfach nicht, wie lange ich auch warte. Meine Wut schwillt nicht ab, obschon sie auch nicht ausbrechen mag. Ich weiß immerhin, dass solch ein Ausbruch nur noch mehr Gemotze zur Folge hätte, darauf habe ich ja auch keine Lust. Also nehme ich mir ein Vorbild an Ms. KG und beschließe, mir meinen Körper zu durchbohren. Naja, lieber mal nur das Ohr. Versuche also krampfhaft, etwas in meinem Chaos zu finden. Irgendwann glaube ich, jetzt doch endlich zu verbrennen, da mein panisches Durchwühlen des ganzen Mülls in meinem Zimmer meine Poren dazu bewegt, auf noch panischere Weise Unmengen von Schweiß auszustoßen. Vielleicht wollen sie den Sterbeprozess ja nur verkürzen, wahrscheinlich glauben sie, ich wäre eher tot, wenn ich zusätzlich zu der sengenden Hitze innerlich austrocknete. Aber in dem Augenblick, als ich mich erschöpft auf mein Bett setze und gemütlich das Schmuckkistchen ausleere, um es anschließend wieder einräumen zu können, finde ich plötzlich die kleinen, silbernen Stecker, die ich beim Flüchtigen durchgraben nicht hatte entdecken können. Na schön, ich hole einen Spiegel in mein Zimmer und eine Sicherheitsnadel. Eine Kerze, die Nadel zu erhitzen. Muss ja alles gründlich desinfiziert werden. Aber eben das Desinfikationsmittel fehlt mir noch, die ganze Prozedur geht also von vorne los (ich muss schon ganz schön viel Wasser in mir haben, dass ich noch lebe), irgendwann finde ich das Zeug sogar. Riecht gut. Tür zu, Ohr durchgestochen. An die zehn Male sogar, immer, wenn ich die Sicherheitsnadel herauszog, konnte ich den Ohrring nicht mehr durch das kleine Loch popeln, bin unfähig. Naja, dann bleibt halt die Sicherheitsnadel stecken, zwei, drei Tage, vielleicht geht der Stecker ja dann leichter rein. Und wenn nicht, ist auch egal. Vielleicht wächst es ja ein und entzündet sich. Und dann muss ich mein halbes Ohr aufreißen. Das soll weh tun, wurde mir mal erzählt. Also das Stechen hat nicht geschmerzt. Es hat nicht mal geblutet. Das enttäuscht mich schon ein wenig.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr mit Mrs. Y zu reden, obgleich sie für mich lebenswichtig ist. Ich wollte sozusagen auf Diät gehen und mich jetzt schon darauf vorbereiten, in Zukunft gar nichts mehr von ihr haben zu können, nicht mehr genug, ich werde verhungern, wenn sie erst einmal weg ist. Ich wollte nicht, dass es hinterher noch mehr schmerzt, aber der Abschied gelingt mir nicht, sie ist ja noch da, wie könnte ich nur auf etwas verzichten, das mir so lieb ist. Sie bringt es also fertig, mir den Stecker ins Ohr zu schieben, ich habe das Loch ja nicht getroffen.

Es dreht sich mehr um Ohrringe, als es sollte.

Ein paar Tage später bin ich zu müde, mich aufzuregen und habe Angst vor dem Moment, indem sie es sehen; wenn sie es nicht schon längst gesehen haben. Und gleichzeitig befällt mich Scham und Reue für die Unordnung, für die teure Unterwäsche auf dem Boden (ich hebe sie auf, wasche sie) und für das Rauchen. Jeder probiert es mal, ich dachte, das gehöre zum Erwachsenwerden? Ich rauche ja nicht, habe mir nur den MildSeven-Wunsch erfüllt, der jetzt nur noch an der Wand hängt, wie ein Denkmal, das zeigt, dass manchmal noch Träume existieren, die wahr werden können. Und als letzte Fluppe in der zerknautschten Kippenschachtel, als gehöre die Hoffnung der Erfüllung meiner Wünsche zu den festen Bestandteilen meines Lebens.

Es ist alles so seltsam in dieser Müdigkeit... Als ich in mein Zimmer komme, ist mein Bett frisch bezogen, ich lege mich in das sanfte Blau, zwischen all die Sterne und den Mond, die mich einhüllen, als sei ich die Nacht selbst, als sei ich der Himmel; als sei ich noch Kind. Ich möchte hier bleiben, es ist warm und ich höre den Nachklang der süßen Stimme meiner eigenen Kindheit, die mir zuruft Auf Wiedersehen, ich werde zurückkommen, wenn es Zeit ist, vergiss mich nie denn ich bin immer noch Dein, und du bist Mein.*

Sehe flüssige Bilder vorbeiziehen, Bilder eines Gullideckels, auf dem SWR stand, wie der Fernsehsender, ebenso die blinkende Schranke, die mir vorhin auf meinem nächtlichen Spaziergang entgegenleuchtete, die verlassen vor einem grauen, nicht ganz fertig gebauten Haus lag, im Gras und Matsch, die verloren wirkte und in ihrem Tod stets einsam vor sich hin blinkte, als warte sie nur darauf, aufgehoben zu werden oder als wolle sie erlöst werden, als blinke sie, um zu zeigen, dass sie noch lebt, damit endlich einer daherkomme und sie zerschlage. Diese Hitze. Unerträgliche Melancholie. Ich hasse nicht, ich habe nie gehasst, doch ich verabscheue mich, verabscheue mein Krüppelherz, verabscheue den Computer. Verabscheue Erdkrusten, Inbegriff der Zeitverschwendung. Hass auf all dies. Und vor allem darauf, dass ich Träume nur einmal träume. Ich will will diesen Vergewaltiger wieder, will in der Burg meiner Kindheit bleiben, will meine Träume zurück; will schlafen um nie mehr zu erwachen. Doch was mich erwartet, ist echt.

Ms.Y wird gehen, Mr.N zählt schon lange nicht mehr, Ms.M hat aufgegeben und ich werde keine neuen Menschen mehr lieben können.

Ich habe geliebt; war ich ein guter Mensch?

Immerhin

Ich habe geliebt.



*[...]while your childhood sings: Farewell Ill come back when its time, dont ever forget me I am still yours and you are mine – Johanna Zeul
22.6.06 11:16
 


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